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Wir brauchen keine anderen Welten,
wir brauchen Spiegel.

Sehr verehrtes Publikum,

hatten wir Sie in den vergangenen Jahren eingeladen, mit uns die „Spielwies’n“ zu betreten und die unterschiedlichsten Blicke in die „Beziehungskiste“ zu werfen, wollen wir Sie nun mitnehmen auf eine Entdeckungsreise in die „Scheinwelten“, die wir der neuen Spielzeit 2012/13 als Motto vorangestellt haben.

Nicht nur im Theater, sondern auch im „wirklichen“ Leben spielen die Themen Sein und Schein, Wirklichkeit und Wahrnehmung, die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fiktion, eine zentrale Rolle. Was ist das – Wirklichkeit, Wahrheit? Diese Frage beschäftigt die Menschen seit jeher und findet naturgemäß ihren Widerhall auch in der Kunst.

„Es gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem, was unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem, was unwahr ist“, schrieb Harold Pinter. „Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann beides sein, wahr und unwahr.“

Auch in der Theaterliteratur ist die Wahrheit schwer greifbar. Und doch suchen wir danach. Vielleicht ist diese Suche der Antrieb unseres Strebens – die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Dass das Theater als Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der sinnlichen Erfahrung keine Lösungen anbieten kann, muss einem dabei klar sein, aber es kann mit den Mitteln des künstlerischen Ausdrucks Zusammenhänge aufzeigen, reflektieren und kommentieren.

So loten die Stücke in unserem neuen Spielplan auf die unterschiedlichsten (Spiel-)Arten das Spannungsfeld aus zwischen Offensichtlichem und Verborgenem, Tatsächlichem und Erfundenem. Die Nachrichten unserer Zeit sind voll mit Fällen von Betrug, Täuschung und Vorspiegelung falscher Tatsachen. Mal ganz ehrlich, wer kann schon von sich sagen, noch nie geflunkert oder vorgegeben zu haben, etwas zu sein, was er nicht ist, etwas zu können, was er nicht wirklich kann? Und andersherum, lassen wir uns nicht manchmal sogar gerne täuschen? Was eignete sich besser als das Theater, uns das vor Augen zu führen und uns zuweilen höchst unterhaltsam einen Spiegel vorzuhalten?

Die Eröffnungsproduktion der Spielzeit 2012/13, die Uraufführung des Tanztheaters „Paradise for beginners“ der englischen Choreografin Caroline Finn, begibt sich an die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, beleuchtet mit augenzwinkerndem Humor die kleinen Fluchten in verschiedenste Scheinwirklichkeiten und sucht – wahrscheinlich vergeblich, aber mit Vergnügen – die Wahrheit unter der Oberfläche. Auch die beiden Protagonisten unserer Schauspielproduktion „Enigma“, einem spannungsgeladenen Stück des französisch-belgischen Erfolgsautors Eric-Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“), begeben sich auf die Suche nach der Wahrheit – und kommen in ebenso messerscharfen wie pointierten Volten einem Rätsel auf die Spur, das sie – und uns Zuschauer – das Wesen der Liebe erahnen lässt. Mit „Die Tartuffe-Methode“, unserer dritten Eigenproduktion, betritt schließlich der wohl scheinheiligste Betrüger der Theaterliteratur die Bühne: Molières „Tartuffe“ – als neue Klassikeradaption von und mit Michael Miensopust.

Er ist es auch, der Regie führen wird bei der ersten Koproduktion des TIK mit dem Kinder- und Jugendtheater des Landestheaters Tübingen. Unter dem Arbeitstitel „Villa Irrsinn“ soll hier ein Stück über das Erwachsenwerden entstehen, das das Thema Erziehung den kleinen und großen Zuschauern ganz ohne erhobenen Zeigefinger, dafür auf witzig skurrile Weise und mit herrlich schräger Musik näherbringt.

Naturgemäß bietet auch das weitere Repertoire viel Inspirierendes, Berührendes, Amüsantes und Anregendes – jede Menge Seelenfutter also:
Mit anspruchsvollen Schauspielinszenierungen, u.a. von den Münchner Kammerspielen, dem Staatstheater Nürnberg und dem Mülheimer Theater an der Ruhr, der Premiere von Sophokles’ „Ödipus“, mit mitreißendem Boulevardtheater und außergewöhnlichem Tanztheater, den von Dr. Franz Tröger gestalteten hochkarätigen Meisterkonzerten, einer Vielzahl fantasievoller Kinder- und Jugendtheatervorstellungen und den kleinen TIK extra-Reihen erwartet Sie auch in Zukunft höchste Qualität.

Das TIK-Team und ich laden Sie herzlich ein, mit uns einzutauchen in die (Schein-)Welten des Theaters!

Herzlich,
Ihre
Nikola Stadelmann

Künstlerische Direktorin
THEATERINKEMPTEN
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