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In den Medien

KILLING YOUR DARLINGS
Ein Spiel um Macht und Ohnmacht
»Killing your Darlings« eröffnet die Spielsaison im TIK und sorgt für Begeisterung

Von Cordula Amman. Mit der Premiere von »Killing your Darlings« wurde am vergangenen Freitag die neue Spielzeit »Machtspiele« im THEATERINKEMPTEN (TIK) eröffnet. Macht- und eindrucksvoll begann sie dann auch, mit einem Tanztheater der britischen Choreografin Caroline Finn. Die Uraufführung eröffnete gleichzeitig den 14. Kemptener Tanzherbst. »Killing your Darlings«, das als TIK-Eigenproduktion aus der Ideenschmiede von Caroline Finn und der künstlerischen Direktorin des TIK, Nikola Stadelmann, entstand, war ein gelungener Saisonauftakt.

Bei ihrem dritten Auftragswerk für das TIK lud Caroline Finns Interpretation von »Killing your Darlings« Tänzer und Publikum gleichermaßen ein, ihre Lieblinge zu finden, Beziehungen zu hinterfragen und Darlings gegebenenfalls wieder loszulassen. Es war ein Eintauchen in alle Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen, bei dem nicht immer klar war, wer hier gerade mit wem ein machtspiel treibt. Wann trennt man sich vom Liebsten? Wann ist man bereit für den Schnitt? Wenn eine Szene vom künstlerisch bedeutsamen Resultat ablenkt – der Darling zum Spiegel des Selbst wird – man so sehr mit ihm verschmilzt, dass ein objektives Urteil der Beziehung nicht mehr möglich ist?

Nicht in einem künstlerischen Endprodukt, sondern involviert in den Entstehungsprozess, konnte sich das Publikum diesen Fragen nähern. Ähnlich einer Filmproduktion modellierte die Tänzerin Marta Zollet in der Rolle der Regisseurin Szene für Szene. Bühnenbildnerin Angela Loewen gestaltete dazu ein Bühnenbild der 1930er Jahre, als der Film noch ohne Worte auskommen und wie ein Tanztheater mit viel Ausdruck arbeiten musste. Ein großer, beweglicher Metallrahmen unterstütze den häufigen Perspektivwechsel zwischen, aber auch neben den filmischen Szenen. Zeitweise war es schwer, alle Machtspiele zu verfolgen, die auf der Bühne stattfanden – nicht jeder Darling ließ sich sang- und klanglos herausschneiden und erschien als Beobachter plötzlich wieder im Hintergrund.

Caroline Finn nahm die Zuschauer vom Regiegespräch bis zur Präsentation der Filmdarbietung überall hin mit. Und so war es dann auch ein Abend voll bewegter und bewegender Szenen, die dem Publikum von skurrilen und komischen Momenten bis zu qualvollen Szenen alles boten. Die Bandbreite zwischen Machtspielchen und Machtkämpfen war groß, wenn Yamila Khodr, Marie Lykkemark, Marta Zollet, Jorge Soler bastida, Luca Signoretti, und Bert Uyttenhove ihre innere Gefühlslage tänzerisch nach außen trugen.

Dass das Stück ohne Worte auskam, war vor allem der Ausdruckskraft dieses beeindruckenden Tänzerensembles zu verdanken. In manchen Momenten erschienen die Akteure fast knochenlos. Marie Lykkemark beispielsweise, die wie eine Stoffpuppe zwischen zwei männlichen Buhlern hin und her gerissen wurde. Hier noch begehrter Darling, kämpfte sie später anrührend bei der Regisseurin um ihren Platz. Neben flüssigen und harmonischen Bewegungen war in anderen Szenen die Körperspannung der Tänzer in kraftvollen Figuren offensichtlich.

Es wurden Fäden gezogen, bei denen die Tänzer so intensiv interagierten, dass es fast schon unheimlich wirkte. Zwischen Vorsicht und Gier fraß Jorge Soler Bastida der Regisseurin aus der Hand – eine Kost, die er nicht so leicht verdaute. Man spürte fast den Schmerz, den die Künstler durchlitten, wenn sie als Darlings fallen gelassen wurden und sich die Macht auf anderem Weg zurückholten. Sie entblößten sich bis zur seelischen Nacktheit, wurden dadurch verletzlich und tauchten gestärkt in neuen Szenen wieder auf. Lösungsprozesse erinnerten teils an die Austreibung des Bösen, fanden aber auch auf liebevolle und humoristische Weise statt. Die Körper der Tänzerinnen und Tänzer verschmolzen ineinander, und verloren kurzzeitig ihre individuelle Persönlichkeit. Dann wieder wurden Paare in vollkommener Symbiose plötzlich jäh auseinandergerissen. Wer sich letztlich durchsetzen konnte auf dem langen Weg des »Editing«, erfuhr das Publikum erst bei der finalen Filmvorführung. Als die Darlings am Schluss auf ihren Bobbycars noch einmal am geistigen Auge der Regisseurin vorüberfuhren, war vom Zuschauer das gefragt, was künstlerische Prozesse vielleicht genuin ausmacht. Sie vollenden sich in der Interpretation des Betrachters und gaben dem Publikum auch bei »Killing your Darlings« die Freiheit, ihre Lieblinge zu killen oder am Leben zu erhalten.

Wie auch immer persönliche Entscheidungen ausfielen – große Anerkennung erhielt das Tänzerensemble für ihre herausragende Leistung gleichermaßen. Das Publikum bedankte sich bei allen Beteiligten mit einem begeisterten Schlussapplaus.

Kreisbote, 15. Oktober 2014


KILLING YOUR DARLINGS
Erotisch und brutal
Caroline Finns neues Stück »Killing your darlings« berührt.
Alles dreht sich um Macht. Marta Zollet brilliert

Von Michael Dumler. Bereitwillig, mit ausladender Gestik und Mimik, erzählt die Regisseurin am Ende von ihrem Film. Stolz sieht sie aus, wie sie da im Rampenlicht sitzt. Ihre Worte hört man nicht, man kann sie nur erahnen – wie beim Stummfilm, der hinter ihr auf einer Leinwand läuft. Zu sehen sind dort die fünf Schauspieler, mit denen die Regisseurin arbeitete, die sie lockte und piesackte und nach ihrem Belieben formte. »Killing your darlings« nennt die Choreografin Caroline Finn ihr drittes Stück, das sie für das Theater in Kempten (TiK) produzierte. Und es ist ihr eingängigstes und schlüssigstes.

Es ist ein Tanztheater voller intensiver, ergreifender, hochdramatischer Momente. Dreh- und Angelpunkt ist Marta Zollet. Die italienische Tänzerin, die bereits im vergangenen Jahr in Finns »Flora in the Slaughterhouse« zu erleben war, hat eine enorme Bühnenpräsenz. Als Regisseurin hat sie buchstäblich die Hosen an, trägt Schuhe (als einzige, hochhackige). Zollet gibt eine taffe, selbstbewusste Filmregisseurin – dank großer erotischer Ausstrahlungskraft auch eine Femme Fatale.

»Machtspiele“ lautet das Motto der neuen TiK-Spielzeit, die – wie das Tanzherbst-Festival – mit Finns Stück eröffnet wurde. Und um Macht geht es in »Killing your darlings« vor allem. Es geht um befehlen und gehorchen, um herrschen und dienen. Um Abhängigkeiten. Um Menschen, die schwach sind, sich nicht wehren können. Und um starke, die gebrochen werden. Da ist das naive Püppchen (herrlich tumb und mechanisch: Marie Lykkemark). Vergeblich versucht die Schauspielerin, die Regisseurin auf sich aufmerksam zu machen. Dabei hat sie doch Talente, kann singen und Ukulele spielen. Doch das ist nicht gefragt. Ihr Pedant ist der kindliche Junge (Bert Uyttenhove), der ungelenk Aufmerksamkeit erheischen will: Irgendwann hat selbst die Regisseurin Mitleid mit ihm, lässt ihn auf ihren Schoß und trägt ihn weg. Von der Mutter zur Domina: Genüsslich spielt sie mit den Männern, füttert sie mit Marmelade, lässt sie mit imaginärer Peitsche nach ihrer Pfeife tanzen. Marta Zollet ist eine Wucht.

Selbst wenn die Schauspieler unter sich sind: Immer will einer den anderen in eine Richtung drängen, ihn manipulieren, beherrschen. Auch die Selbstbewusste (Yamila Khodr) muss dies erkennen, wird zum Spielball ihrer männlichen Kollegen. Herrlich komisch und akrobatisch zugleich sorgen Luca Signoretti als Arzt und Jorge Soler Bastida als Patient für Heiterkeit.

Filmproduktion und das Leben dazwischen – Finns Stück spielt im wesentlichen auf zwei Ebenen. Bühnenbildnerin Angela Loewen hat dafür eine exquisite Lösung gefunden: Zwei zusammenklappbare auf einer Drehachse montierte Metallrahmen ermöglichen den Tänzern viel Bewegung und eröffnen den Zuschauern Fantasieräume. Stimmig auch der Musik-Mix: Da gibt es Wildes von Balkan Beat Box, Elegisches von Elenie Karaindrou, Elektronisches von Ólafur Arnalds und Nils Frahm und Klassisches von Jacques Offenbach. Applaus.

Allgäuer Zeitung, 14.10.2014

 

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
Als sei es Mozart selbst
Wie Dirigent René Jacobs in Kempten mit einem hervorragenden Sänger-Ensemble der »Entführung aus dem Serail« überzeugend nahekommt

Von Reinhard J. Brembeck. Da steht ein in die Jahre gekommener Wuschelkopf gelassen auf der Bühne des kleinen Kemptner Theaters, vergräbt seinen Kopf tief in der Partitur und gibt synchron mit beiden Händen den Takt an. Weniger Show und mehr Anti-Star sind nicht möglich. René Jacobs entspricht so gar nicht dem gängigen Bildeines genialisch rudernden Dirigentenmonarchen. Vielleicht, weil er auf dem Umweg übers Singen ans Pult kam. Erst war er Chorjunge daheim in Gent, dann ein gefeierter Countertenor, der sich aber nicht nur für die Erforschung alter Aufführungspraktiken begeisterte, sondern auch Fischer-Dieskau bewunderte. Weswegen er sein Singen stets mit ungewöhnlichen Einfällen und einer feinen Ironie anreicherte.

All das hat er sich auch als ein mittlerweile weltberühmter Dirigent bewahrt. Keiner bietet die Musik von Georg Friedrich Händel, Claudio Monteverdi, Johann Sebastian Bach, Francesco Cavalli, Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann gelöster und beglückender als Jacobs. Seit gut fünfzehn Jahren ist er jetzt mit Mozart beschäftigt, er hat sich dessen große Stücke erarbeitet und auch aufgenommen. Jetzt ist er mit der »Entführung aus dem Serail« ans Ende dieser bejubelten Odyssee angekommen, wobei Jacobs live immer ein Stück spontaner und hinreißender wirkt als auf der Platte.

Gerade hat er die »Entführung« aufgenommen, sie kommt in einem Jahr auf den Markt. Derzeit geht er mit ihr auf Tournee, die ihn von Perugia nach Brüssel und Amsterdam führt, aber dank einer Mäzenin auch in Kempten gastiert. Die „Entführung“ ist das heikelste Stück Mozarts, weil der Spagat zwischen Albernheit und Existenzialismus so irrsinnig weit auseinander klafft wie nur noch in Beethovens »Fidelio«. Dirigenten, Regisseure, Sänger sind deshalb fast nie in der Lage, diesen Spagat sinnig zu bewältigen. Es ist also kein Zufall, dass Jacobs sich erst jetzt um die »Entführung« kümmert. Aber ihm gelingt der Spagat. Weil er nicht von der Musik ausgeht, sondern von dem gern unterschätzten Text.

Der mag zwar manchmal in der Wortwahl holpern, aber Spannungsbogen, Nummernfolge, Charakterzeichnung, Doppelbödigkeit und Lebensnähe sind, man erlebt das hier endlich einmal auf der Bühne, schlicht genial. Jacobs hat den Text leicht arrangiert, aber vor allem nimmt er die Geschichte von zwei (spanischen) Liebespaaren, die in einem (türkischen) Harem in Geiselhaft und Todesgefahr geraten, ernst. So entsteht ein umfassendes Panoptikum menschlicher Verhaltensweisen, von Borniertheit und Pragmatismus bis zur Großmut, von Liebe über Hass, Albernheit, Eifersucht, Rassismus und Tändelei bis zur Todesangst.

Die durch Klangphantasie überwältigende Berliner Akademie für Alte Musik sitzt auf der Bühne, dazwischen der Hammerflügelspieler Andreas Küppers, der oft mitspielt, kleine Schlenker anbringt und auch die Sprechparten gelegentlich mit Mozart-Zitaten unterlegt. Davon steht nichts in der Partitur. Aber das wirkt so natürlich, dass jeder Zuhörer glaubt, Mozart selbst bei einer Aufführung zu erleben. Die in moderner Kleidung auftretenden Sänger suchen sich zwischen den Musikern ihren Platz, sie spielen und singen, was geht. Dieses von Jacobs inszenierte Konzert kommt in seiner Konzentration auf die Schicksale näher an das schwierige Stück heran, als viele viel aufwendigere Inszenierungen.

Auch weil sich die Sänger nie haltlos in ihre Rollen stürzen, sondern zugleich immer den Blick von außen auf ihre Emotionen bieten, auf Hass oder Sehnsucht, auf Erotik oder Abneigung. Diese Doppelbödigkeit gelingt dem Publikumsliebling Dimitry Ivashchenko am besten, der den Serailvorsteher Osmin mit bösartiger Intelligenz zeichnet. Aber auch dessen Lächerlichkeit zeigt, die aus seinen Schwächen für Suff und Sex resultiert. Ivashchenko verbindet eine grandiose Tiefe mit einer verblüffenden Rasanz, Spielfreudemit Abgefeimtheit – die faszinierende Mischung aus Knuddelbär undMörder.

Dagegen ist Maximilian Schmitt als Sunnyboy-Lover Belmonte erst mal ein durch Tonschönheit und Trällerlust bestechendes Leichtgewicht, das aber in seinen vier Arien, die allzu oft leicht öde wirken, hörbar an Bedeutung reift. Denn Jacobs nimmt deren Tempi zügig, die hinreißenden Holzbläser deuten schon früh Einbrüche und Abgründe in Belmonte an, die Musik erforscht zunehmend genauer seine Psyche, und so wird aus einem unbedarften Buben ein innig liebender Mann.

Während Robin Johannsen als seine Konstanze gleich von Anfang an vor die brutale Alternative gestellt ist, entweder den Haremschef Bassa Selim zu erhören oder gefoltert zu werden. So reift in ihr, hier überzeugend gut hörbar, der Entschluss, sich foltern, sich sogar töten zu lassen. Während das zweite, von Julian Prégardien und Mari Eriksmoen gespielte Paar zwar unter der gleichen Bedrohung leidet, sich das aber sehr viel weniger zu Herzen nimmt.

Auch wenn die Sänger ein wenig viel mit den Händen herumfuchteln, kommen sie der von Jacobs erträumten Doppelbödigkeit näher als der Bassa Selim des Cornelius Obonya. Der ist ein großer Könner und derzeit Salzburgs Jedermann, aber für diese Sprechrolle hätte er wohl doch einen Regisseur gebraucht. Denn aus Obonya spricht vor allem die geschundene Gewaltmenschenseele. Die Vielschichtigkeit der Gesangsrollen bleibt ihm verwehrt, da ihm weder Musik noch Regisseur helfen. So kommen Höhepunkt und Peripetie der »Entführung« ein wenig larmoyant daher. Aber das fällt wie so manch anderes Detail letztlich nicht ins Gewicht. Jacobs hat mit dieser »Entführung« den Gipfel seiner Mozart-Annäherung erreicht.

Süddeutsche Zeitung, 20.09.2014

 

WAS IHR WOLLT
Grandioses Volkstheater
Im Kemptener Theater feiert die Eigenproduktion »Was ihr wollt« Premiere

Von Christine Tröger. William Shakespeare selbst wäre bestimmt genauso begeistert gewesen wie das Publikum im Theater in Kempten (TIK) vergangenen Samstagabend. Da gab es mit des Dichters zeitloser Komödie »Was ihr wollt« Volkstheater im besten Sinne. Nicht nur Regie hat Oliver Karbus diesmal geführt. Er hat auch die Übersetzung dafür geliefert, in der es ihm vor allem um die Wahrung des Wortwitzes ging.

Spaß bescherte die schon eher Groteske als Komödie dem Publikum jedenfalls reichlich. Nicht nur die meist derb-komischen Dialoge, auch die Kostüme in die Sieglinde Michaeler die Schauspieler steckte sorgten für einige Heiterkeit, wie Sir Andrew Bleichenwang (Martin Radecke), der seinem Namen optisch wie menschlich alle Ehre machte.

Unvergessen werden sicher auch die gelben Strümpfe mit kreuzweis gebundenen Strumpfbändern bleiben, mit denen sich Olivias Haushofmeister Malvolio (Karl-Heinz Macek) für die von ihm - einseitig – geliebte Herrin zum Narren macht. Apropos Narren, apropos Liebe. Das sind die beiden zentralen Themen, um die die homogen spritzig-mitreißend agierenden Akteure rund zweieinhalb Stunden lang mit temporeichen Dialogen und marathonverdächtigen Bühnenauftritten und –abgängen kreisten. Besser hätte man die Figuren kaum besetzen können, jede einzelne eine eigene Charaktere als letztendlich Spiegel menschlicher Vielfalt. Einfach grandios das Spiel all der liebeskranken Frauen und Männer, deren Verwirrungen der Gefühle erst noch in die richtigen Bahnen gelenkt werden sollten.

Herzog Osino (Benjamin Ulbrich) liebt Gräfin Olivia (Antonia Tinkhauser), die aber für dessen Liebesboten Cesario (Julia Loibl) entflammt. Cesario wiederum ist in Wahrheit Viola, die verkleidet als Mann dem Herzog zu Diensten ist, den sie liebt. So – oder so ähnlich – ergeht es auch Olivias Kammermädchen Maria (Nadine Schneider), dem Trunkenbold und Onkel Olivias Sir Toby Rülp (Harro Korn), oder dem Kapitän Antonio (Richard Aigner), der Sebastian (Frederic Böhle), den von Viola nach einem Schiffbruch tot geglaubten Zwillingsbruder, gerettet hat und ihm augenscheinlich näher sein möchte als diesem lieb ist. Für ihn interessiert sich – wenn auch aus anderen Gründen – dagegen der Polizist (Norman Graue) der Insel Illyrien, Schauplatz der Geschehnisse. Einzig der Narr (Markus Oberrauch) bleibt nur der Beobachter der Kabalen, die er listig für sich als Einkommensquelle zu nutzen versteht und die Intrigen durchschaut.

In der Tat muss ein Narr klug sein, um ein Narr sein zu können, was schon zu Beginn des Stücks in einem Konzentration fordernden Monolog geklärt wurde. Wie wahr, denn es ist der Narr, der immer wieder auch die Tragik hinter der Komik sichtbar macht.

Mit »Was ihr wollt« wandert erstmals ein »Großer Stoff im kleinen Format« ins »große Format«, nämlich auf die große Bühne des mit rund 400 Zuschauern gut besuchten Hauses.

Spärlich hat Karbus die Bühne gestaltet: ein umgekehrt liegendes Boot in knalligem Gelb, davor ein leuchtend grünes Benzinfass und ein rot-grüner Anlegesteg, dazu eine sensibel-unterstreichende Lichtführung (Günther Schweikart).

Weniger ist eben oftmals mehr. Nicht so beim Schlussapplaus: den gab es verdientermaßen reichlich.

Kreisbote, 14.05.2014

 

WAS IHR WOLLT
Ein Hoch auf die Narrheit
Theater Kempten gelingt mit Shakespeares »Was ihr wollt« ein umwerfender Spaß

Von Michael Dumler. Die Welt ist ein liebestolles Haus, Sein und Schein manchmal schwer auseinanderzuhalten. »Euer Gnaden, ich rate euch, eure Finanzen gnädig in meinen Aktien anzulegen. Die Narrheit vermehrt sich unaufhörlich«, sagt der weitsichtige Narr zum liebeskranken Herzog in »Was ihr wollt«. Oliver Karbus übersetzte die vor über 400 Jahren entstandene Shakespeare-Komödie neu und überführte sie behutsam  in unsere Zeit, in der die Narrheit ja wieder Konjunktur hat. Und mit einem lustvoll aufspielenden Ensemble hat er das Stück am Theater in Kempten umwerfend inszeniert. Alle gieren sie nach Leben und Liebe, die Adeligen wie die Gemeinen. Zwangsläufig muss es da zu einem Tohuwabohu kommen. »Das war alles ein großes Missverständnis«, sagt Sebastian am Ende, als er seiner Zwillingsschwester Viola nach vielen Irrungen und Wirrungen wieder begegnet. Ein Schiffsunglück hatte beide getrennt und auf die Insel Illyrien verschlagen. Als Mann namens Cesario verkleidet wird Viola zur rechten Hand des Herzogs und verliebt sich in ihn. Der hat aber nur ein Auge für die Gräfin Olivia, die sich jedoch in Cesario verguckt. Und nicht nur Haushofmeister Malvolio ist Feuer und Flamme für Olivia …

Benjamin Ulbrich gibt souverän den feingeistigen, kraftlosen Herzog. Als Gegenpart erscheint Sir Toby Rülp, der Onkel Olivias: Harro Korn als derber, schlitzohriger Trunkenbold ist eine Wucht. Ebenso Martin Radecke als urkomischer kindlich-dümmlicher Sir Andrew Bleichenwang. Das Trio Infernale vervollständigt Nadine Schneider als dralles, Intrigen spinnendes Hausmädchen Maria. Herrlich komisch und tragisch zugleich: Karl-Heinz Macek als Malvolio. Vielseitig und sensibel agieren Markus Oberrauch (Narr), Julia Loibl (Viola/ Cesario) und Antonia Tinkhauser (Olivia). Richard Aigner (Kapitän), Frederic Böhle (Sebastian) und Norman Graue (Priester, Polizist) komplettieren das famose Ensemble, das alles in die Waage wirft, an der Kante spielt, aber nie abstürzt. Gefährlich temporeich ist das Stück. Doch Karbus hält in seiner fünften Inszenierung für das Kemptener Theater die Spannung hoch. Der 58-jährige Österreicher rhythmisiert klug, zeigt auch die Kehrseite des Spaßes: die Tragik. Sein karges farbstarkes Bühnenbild mit umgekipptem Boot, Anlegestelle, Tonne und weißen Wänden erhält Seele durch eine intensive, fließende Beleuchtung (Günther Schweikart). Kostümbildnerin Sieglinde Michaeler bedient sich dezent verschiedener Epochen und unterstreicht gerade dadurch die Zeitlosigkeit des Stücks. Für den rundum gelungenen Theaterspaß spendierten die etwa 400 Premierenbesucher reichlich Applaus und Bravorufe.

Allgäuer Zeitung, 12.05.2014

 

WAS IHR WOLLT
Großer Wurf
»Was ihr wollt« ist eine beglückende Eigenproduktion

Von Michael Dumler. Das Herz schlug Nadine Schneider bis zum Hals. »Wie das Publikum jedem einzelnen von uns applaudiert hat, das war phänomenal«, sagte die Schauspielerin kurz nach der umjubelten Premiere von Shakespeares »Was ihr wollt« im Stadttheater (wir berichteten). Die 31-jährige gebürtige Immenstädterin, die in Kempten lebt, wusste bereits zum zweiten Mal in einer Eigenproduktion des Theaters in Kempten (TiK) zu überzeugen.

Mit Richard Aigner aus Kronburg hatte sie erst im Februar in »Gretchen 89ff.« ein fulminantes Duo gebildet, das in sechs Aufführungen dem Publikum im kleinen Saal vergnügliche Theaterabende bereitet hatte. Nun gibt Schneider im Großen Haus in der turbulenten Shakespeare-Komödie das Intrigen spinnende Hausmädchen Maria. »Das ist schon noch eine ganz andere Atmosphäre, auf der großen Bühne zu stehen«, sagt Schneider.

Auch Richard Aigner ist wieder mit von der Partie. Und Norman B. Graue, der wie Schneider Mitglied der Improtheatergruppen »Allgäu Ensemble« und »Die Wendejacken« ist. »Ein tolles Theaterhaus«, schwärmt der Kemptener nach der Premierenvorstellung.

»Was ihr wollt« ist die bislang aufwendigste Kemptener Eigenproduktion. Oliver Karbus, der bereits zum fünften Mal für das TiK inszeniert, ist ein großer Wurf und ein köstlicher Theaterspaß gelungen – auch dank des prächtig aufgelegten elfköpfigen Schauspielerensembles. Nicht verpassen.

Allgäuer Zeitung, 14.05.2014

 

GRETCHEN 89ff.
Geschichten aus dem (Theater-)Leben
Premiere »Gretchen 89ff.« in Kempten persifliert Probensituationen – was höchst amüsant ist

Von Jana Schindler. »Hoffentlich spielen sie es so, wie es ist.« Dieser Stoßseufzer einer Abonnentin zum Thema werkgetreue Inszenierung war der Anlass für den Dramatiker Lutz Hübner, ein Stück aus dem Inneren des Mikrokosmos »Theater« zu schreiben. Er traf offenbar den Nerv der Zuschauer: Sein »Gretchen 89ff.«, in dem die berühmte Kästchenszene aus Goethes »Faust I« in zig Varianten durchprobiert wird, steht oft auf den Spielplänen. Jetzt führt es das Theater in Kempten als heiter-groteske Eigenproduktion auf.

Das kabarettistische Stück, das Paraderollen für Schauspieler bietet, kann – leicht missverstanden – dieser Zunft ein Podium geben, ausschließlich sich selbst zu produzieren. Das hat Regisseur Markus Bartl tunlichst vermieden. Schon der Beginn der Vorstellung ging so beiläufig vonstatten, dass nicht sofort klar war: Die Vorstellung beginnt.

Das Licht blieb an. Was nur konsequent war, denn: Hier wird eine klassische Probe inszeniert. Auf einer Probebühne (Phillip Kiefer) stehen und liegen zwei Garderobentische, Probenkostüme, ein Bühnenbildmodell, Stellwände, das Regiepult. Die beiden Schauspieler Richard Aigner und Nadine Schneider schlittern zusammen mit den Zuschauern wie nebenbei in den Probenprozess. Der lässt in dieser Kemptener Inszenierung auch den Blick in die menschlichen Abgründe der Theatermaschinerie zu: man spürt hier erzählen Theaterleute Geschichten aus dem (Theater)Leben und haben Spaß dabei. Richard Aigners körperbetonte Darstellung der sieben Regisseure setzt Maßstäbe und holt aus den Typen facettenreich Charakterzüge heraus. Ob er wienernd als »Tourneepferd« schon am Morgen in gefährlicher Schieflage nur daran interessiert ist, sein »junges Hascherl« abzufüllen oder als anekdotenklopfender, Pastillen dauerlutschender »Haudegen« die Schauspielerin mit Nichtbeachtung straft: Klasse! Die Leidtragende ist immer die Schauspielerin – wenn sie nicht als übereifrige »Anfängerin« selbst beim gestandensten Regisseur nervöse Zuckungen hervorruft oder als empörte »Diva« den blutjungen Anfänger um den Finger wickelt. Nadine Schneider hat ihre starken Szenen und großen Momente in diesen typisierten Gretchen-Darstellerinnen und zeigt ihre große Verwandlungskunst auch als intellektuelle Dramaturgin.

Es geht um das Miteinander
Immer gehen diese erheiternden Situationen und Typengemälde auch tiefer. Hier stellt die Inszenierung nicht nur Fragen zur Wertschätzung, Selbstbehauptung, Unterwerfung und Machtmissbrauch im Probenprozess. Es geht um die ganze Palette des Miteinanders. Am Schluss ist der »frei arbeitende«, also arbeitslose Schauspieler allein auf der Bühne und spricht die Kästchenszene ehrlich, glaubwürdig aus sich heraus. »So wie sie sein soll«, würde die Abonnentin sagen.

Das Premierenpublikum würdigte die 100-minütige, bravouröse Duo-Leistung mit kurzem, kräftigem Applaus.

Allgäuer Zeitung, 11.02.2014

 

GRETCHEN 89ff.
Immer neue Klischees
Ausverkauftes Haus bei der Premiere von «Gretchen 89ff.«

Von Christine Tröger. Der Blick hinter die Kulissen begeisterte vergangenen Freitagabend im ausverkauften THEaterOben. Nein, nicht etwa eine Führung durchs TheaterInKempten (TIK) sorgte für einen kurzweiligen Abend mit viel Lach- und Schmunzelkitzlern. Es war die Premiere der TIK-Eigenproduktion von Lutz Hübners Erfolgskomödie «Gretchen 89ff.«, die die Probebühne auf die Kemptener Bühne brachte und der vermeintlich ach so schillernden Glitzerwelt, um die «Normalsterbliche« Schauspieler und Theatermacher so oft beneiden, gehörige Kratzer verpasste.

Zwei Akteure 105 Minuten im Dauereinsatz, ohne Pause. 105 Minuten in denen die berühmte Kästchenszene aus Goethes «Faust«, erster Teil, Seite 89ff., immer wieder neue Theaterklischees aus dem Hut zaubert. Ein und dieselbe Literaturvorlage – unzählige Interpretationsvarianten, Produkte der «seligen oder unseligen Kombination von Regie und Schauspiel, zwei von alters her natürlichen Angstgegnern«, wie das werte Publikum in THEaterOben gleich zu Beginn des Stückes aufgeklärt wurde.

Unzählige Varianten heißt in diesem Fall natürlich zehn. Denn unter so vielen, sehr breit gefächerten Prämissen durfte Gretchen sich entfalten – oder eben auch nicht, wobei sich die Probebühnen-Akteure, ganz innerhalb des eigenen Egos kreisend, das Leben gegenseitig nicht eben einfach machten. Inszeniert wird deshalb letztendlich nicht nur Wolfgang Goethes berühmte Szene. Der Selbstinszenierung verfallen da durchaus auch die jeweiligen Akteure, gleich ob als «Schmerzensmann«, «Anfängerin«, «alter Haudegen«, «Diva«, «Tourneepferd«, «Hospitantin«, «Streicher«, «Schauspielerin an sich«, «Freudianer« oder «Dramaturgin«.

In jedem Fall, so viel ist sicher, sind die Figuren mit Richard Aigner – zuletzt als Kurt in Strindbergs «Totentanz« auf der Bühne des TIK – und Nadine Schneider, die ihren schauspielerischen Wurzeln beim heimischen Improtheater «Die Wendejacken« eine professionelle Ausbildung angefügt und 2011 erfolgreich abgeschlossen hat, genial besetzt. Da ist Schneider, die nicht nur die hier zwangsläufig multiplen Persönlichkeiten Gretchens durch Freud und Leid einfach hinreißend verkörpert. Und da ist Aigner, der ihr den leidenden, den genervten oder den Regisseur als Alphatier genauso brillant gegenüberstellt, wie er sich als schon länger arbeitsloser Schauspieler um die Frauenrolle des Gretchens bemüht.

Kaum wagt man ja nach solch einem Stück den Regisseur zu nennen. Aber da die Probenarbeiten laut Einführungsgespräch vor der Aufführung eher von Spaß als von Nervenkrieg geprägt gewesen sind: Der Regisseur Markus Bartl hat dem Kemptener Publikum diese wunderbare Komödie aufbereitet, das sich auch gerne einließ auf seine Inszenierung der erfahrenen Diva, die den jungen, noch unerfahrenen Regisseur mit ihren klaren Vorstellungen schlicht einschüchterte; der junge Anfängerin, die es durch ihren verqueren Überperfektionismus fast schaffte, die künstlerische Kreativität des Regisseurs abzuwürgen; der Überlebensstrategien des «Theaterhascherls« «Biggi-Maus«, das sich der Anzüglichkeiten des dicklichen , «wie ein kolumbianischer Drogenbaron« herausgeputzten Theatermanns erwehren musste, dem die Wiener Schmäh aus allen Poren triefte.

Bei all der Heiterkeit und Komik blieb auch die Tragik dahinter dem Zuschauer nicht verborgen: die Abhängigkeit, von der Öffentlichkeit geliebt und von der Presse lobend beachtet zu werden, oder auch die immer wieder finanziellen Entbehrungen, die wohl für die meisten Schauspieler zum täglichen Brot gehören.

Die Glitzerwelt hat eben auch Schattenseiten – bei den «Berufenen« zu schwach gegen den Magnet Theater & Co.

Kreisbote Kempten, 12.02.2014

 

FLORA IN THE SLAUGHTERHOUSE
In der Grauzone
»Flora in the Slaughterhouse« feiert Premiere

Von Christine Tröger. Schwarz-weiß-Denken hat absolut keinen Platz in der neuesten Eigenproduktion »Flora in the Slaughterhouse« des TheatersInKempten (TIK). Auch die Trennung von – scheinbaren – Gegensätzen wie Leben und Tod, Entstehung und Vergehen, Ordnung und Chaos, Opfer und Täter oder gut und schlecht fallen hier schwer. Vielmehr wird deutlich, dass alles Eins, untrennbar miteinander verwoben ist und sich gegenseitig bedingt.

Am vergangenen Freitagabend feierte das Tanztheater der britischen Choreographin Caroline Finn, belohnt mit sattem Schlussapplaus vom Publikum, Premiere im ausverkauften THEaterOben und eröffnete sowohl die Theatersaison als auch den 13. Kemptener Tanzherbst.

Flora, die Göttin der Fruchtbarkeit, verirrt sich in ein Schlachthaus, wo sie versucht gegen die Kälte und das lebensfeindliche System anzublühen. Schon in dieser kurzen Handlungs-beschreibung offenbart sich, dass Freud und Leid eng miteinander verknüpft sind. Denn wenn es Flora gelingen sollte, gegen dieses von Ordnung, Kontrolle, Sterilität und Regeln geprägte System anzukommen, zerstört sie zugleich ein System, das anderen einen sicheren Rahmen bedeutet.

Alles liegt also im Auge des Betrachters, in Abhängigkeit der Seite, auf der dieser schließlich steht. Und alles Vergehen, jede »Zerstörung« ist zugleich die Chance für neue Entstehungsprozesse, wenngleich es das Neue, Fremde in der Regel erst einmal schwer hat und auf skeptische Ablehnung stößt. Die Gesetze der Natur gelten also auf besondere Art auch im Schlachthaus.

Dabei spielt die Choreographin Caroline Finn nach eigenem Bekennen bewusst mit der Doppeldeutigkeit, für die der Name Flora steht: Fruchtbarkeitsgöttin, aber auch Bakterium – respektive Darmflora, denn Bakterien wurden laut ihrer Recherchen früher dem Pflanzenreich zugeordnet. Somit mutiert das Schlachthaus, schließlich zu einem Ort, der das Entstehen von neuem Leben ermöglicht, auch wenn es nicht die jugendlich-frische Fruchtbarkeitsgöttin ist, die das vollbringt. Es ist das gerissene Bakterium, das Flora aus der zunächst Opferrolle in die der Täterin führt.

Mit Yamila Khodr, Marta Zollet, Jorge Sole Bastida und Bert Uyttenhove hat Finn zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer verpflichtet, die das Stück sehr ausdrucksstark verkörpern. Die Doppel-Figur der Flora hat Finn auch doppelt besetzt, sodass die unterschiedlichen Qualitäten der letztendlich doch einen Flora optisch und choreografisch gut erkennbar werden: fragil und sinnlich der eine Aspekt, anpassungsfähig und manipulativ der andere. In ihren Bewegungen verschmelzen Verschiedenartigkeit wie Gemeinsamkeiten, die als Ganzes die unerbittlichen Rituale zu verändern vermögen. Aber erst einmal wird auch Flora von den in grauen Overalls gekleideten Schlachtern sozusagen durch den Fleischwolf gedreht…

Kreisbote Kempten, 16.10.2013



DIE TARTUFFE-METHODE
Verführung, Heuchelei, Frömmelei

Von Christine Tröger. Vergangenen Freitag feierte »Die Tartuffe-Methode« im ausverkauften TheaterOben mit einem grandiosen Michael Miensopust und der ebenbürtigen Stefanie Klimkait ihre Uraufführung – und begeisterte.

Mit dem neuen »Großen Stoff im kleinen Format« hat das TheaterInKempten (TIK) einmal mehr eine fesselnde Eigenproduktion auf die Bühne gebracht – Stoff zum Schmunzeln und gleichermaßen Nachdenken. Geschickt wurde darin Molières »Tartuffe« als Vorlage mit der in der Gegenwart spielenden Handlung verwoben. Die Heuchelei, Frömmelei, Verführungskunst und Verführbarkeit aus der Vorlage und natürlich noch viel mehr deren Umsetzung in die Neuzeit erinnert an all die (Skandal-)Geschichten, die heutige Gazetten füllen: Aalglatte Politiker, ausgebuffte Wirtschaftsbosse, süßlich lächelnde Gurus und Konsorten, Reality Shows und Social Media kommen einem in den Sinn.

Wechsel der Ebenen
Die blitzschnellen Wechsel zwischen den Erzählebenen verlangen den Zuschauern einiges an Konzentration ab. Temporeich sind auch die bei zwei Darstellern in zehn Figuren zwangsläufig häufigen, blitzschnellen Rollenwechsel der Akteure, die dem Stück eine eigenwillig-vergnügliche Note verpassen. Zunächst muss Molière aber noch ein bisschen warten, denn statt Tartuffe betritt der schmierig grinsende Erfolgsversprecher und Bestseller-Autor Jean Baptiste Cul (in beiden Rollen Michael Miensopust) die Bühne, um die Zuschauer zu motivieren ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und – sein Buch zu kaufen: »Glauben Sie mir, die Tartuffe-Methode wird Ihnen helfen«. Wie der frömmlerische Tartuffe aus Molières Komödie ist auch der moderne Bauernfänger ein scheinheiliger Manipulator und nicht nur moralisch auch ein ziemlich abgehalfterter geiler Bock. Unter dem Deckmantel des Christuskreuzes lässt die »Frommbacke« im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen runter.

Doppelzüngige Schlange
Seine Assistentin beziehungsweise Molières Magd Dorine (beides Stefanie Klimkait) darf auch gerne noch einen Blusenknopf mehr öffnen, während sie den Boden auf Knien schrubbt. Entsprechend dem Herrn Tartuffe bei Molière soll der Leiter des Erfolgsseminars den Menschen das geben, was »mein Auto, mein Haus...« nicht schaffen: Harmonie und Zufriedenheit, einen Sinn des Lebens. An willigen Opfern jedenfalls herrscht in beiden Erzählebenen kein Mangel. Aber auch die Seminar-Assistentin Nadine Maigret entpuppt sich am Ende nicht als Opfer, sondern als doppelzüngige Schlange, die ihrerseits mit der Lebenshilfe »Die Maigret-Methode« ihren Beitrag für das Seelenheil unters Volk zu bringen versucht. Was es damit auf sich hat ist noch in zwei Vorstellungen am heutigen Mittwoch, 15. Mai, sowie Donnerstag, 16. Mai, zu ergründen.

Kreisbote Kempten 15.05.2013



ENIGMA
Giftig und zugleich feinfühlig

Von Christine Tröger. Zwei Schüsse, im Hintergrund die Musik von Edgar Elgars 14 »Enigma-Variationen, op. 36« – und die Rätsel sind bereit sich zu entfalten. »Enigma« bedeutet »Rätsel« und ist Titel des Schauspiels von Eric-Emmanuel Schmitt, das der Regisseur Oliver Karbus als viertes Stück für das Theater in Kempten (TIK) inszeniert hat.

Vergangenen Samstag feierte das aus giftigen bis feinfühligen Dialogen gestrickte Stück auf der großen Bühne mit zwei unglaublich packenden Schauspielern und einem rundweg begeisterten Publikum Premiere. Bisweilen fast unerträglich steigern sich die beiden ungleichen Kontrahenten in ihre Suche nach der Wahrheit – oder sind es individuelle Wahrheiten, die kleine oder auch keine gemeinsamen Schnittmengen haben? Wie viele »Gesichter« verbergen sich in dem scheinbar für jeden doch offensichtlich nur einen Gesicht, das dennoch für jeden eine andere Wahrheit bereit hält? Wann sind wir wahrhaftig? Oder sind wir es im Grunde immer, nur eben im Rahmen der jeweiligen Rolle, die vielleicht nicht einmal eine Rolle, sondern nur eine unserer vielgestaltigen Teilwahrheiten ist?

Wie ein roter Faden zieht sich Elgars Komposition – er selbst hatte einst den Hinweis auf ein darin verstecktes, bis heute nicht gelöstes Rätsel gegeben, dass neben dem Originalthema noch ein zweites Thema darin ertöne, aber nicht gespielt werde – wie ein bedeutungsschwangeres Symbol durch die dramatischen, voller überraschender Wendungen steckenden Offenbarungen, die sich die beiden Protagonisten gegenseitig abringen.

Ausgerechnet dem Provinzjournalist Erik Larsen (Thomas Lackner) gewährt der misanthropische Literaturnobelpreisträger Abel Znorko (Harro Korn) ein Interview zu seinem neuesten Beststeller »Die uneingestandene Liebe«. Der aus dem Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau bestehende Liebesromans ist den Initialen »H.M.« gewidmet, an deren Identität sich ein erbittertes verbales Katz-und-Maus-Spiel zwischen den beiden Männern entfaltet. (Er-)Lösungen jagen Rätsel, jagen (Er-)Lösungen, im Mittelpunkt die Liebe und – ja – eine Frau: Helene Metternach, die in wechselnden Hintergrundbildern zunächst als scheinbare Landschaftsaufnahme, dann zunehmend deutlicher als Frauenkörper wahrnehmbar, immer anwesend ist – ohne jemals ihr (wahres?) Gesicht preis zu geben. Arrogant, verletzend, sich damit brüstend ein Despot zu sein, wird Znorko nicht müde seinen Gast zu demütigen. Hartnäckig aber immer respektvoll im Umgang mit seinem Gegenüber wirft dieser mehrfach sozusagen das Handtuch und geht, um jedesmal durch zwei erneute Gewehrsalven darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass der zynische Einsiedler ihm noch etwas zu sagen hat.

Und doch entwickelt sich im Verlauf auch eine fast zarte Komponente in dieser sich gegenseitig eher feindselig umkreisenden Beziehung. Ein Werk, das die Kombination Liebe, Tod und Wahrheit zu bewerkstelligen vermag, wenn auch vielleicht auf andere Art, als der Zuschauer fast bis zum Schluss zu wissen glaubt. Soviel sei verraten: Es ist am Ende weniger Znorko, der Antworten auf Fragen geben kann; es ist der vermeintliche Interviewer, der ihm die – oder wieder nur eine? – Wahrheit offenbart.

Kreisbote Kempten, 27.02.2013



ENIGMA
Die doppelte Helene

Von Michael Dumler. »Sie lieben nicht die Liebe, sondern das Liebesleid«, schleudert Erik Larsen seinem Kontrahenten Abel Znorko entgegen. »Unsinn«, erwidert der – und scheint doch zu zweifeln. Um Sein und Schein geht es in Éric-Emmanuel Schmitts Kammerspiel »Enigma«, das Oliver Karbus am Theater Kempten (TIK) mit einem brillanten Schauspieler-Duo packend in Szene gesetzt hat. Zum vierten Mal inszeniert der Österreicher eine Eigenproduktion des Kemptener Theaters. Mit Schmitts Zwei-Personen-Stück ist ihm ein Wurf gelungen. Der Provinzjournalist Erik Larsen (Thomas Lackner) besucht den auf einer norwegischen Insel lebenden Literatur-Nobelpreisträger Abel Znorko (Harro Korn). Dessen 21. Buch, ein Briefwechsel zwischen einem Mann und einer Frau mit dem Titel »Die uneingestandene Liebe«, wurde zum Bestseller. Schnell wird klar, dass es nicht um ein Interview geht, sondern um viel mehr: um Liebe, Tod – und um die Wahrheit.

Stühle, Bücher, Schnaps und Gläser
Beide Männer sind untrennbar durch dieselbe Frau, Helene Metternach, miteinander verbunden. Schmitts Text segelt dabei haarscharf an der Grenze zum Kitsch entlang. Doch wie das ungleiche Duo verbal und physisch aufeinanderprallt, ist hörens- und sehenswert. Mit expressionistischer Mimik und Gestik treibt Thomas Lackner als scheinbar naiver Journalist seinen zynischen Gesprächspartner in die Enge. Geduldig erträgt er Znorkos Demütigungen. Dieser, ein Despot und Egoist, wird mit markiger Stimme und Herzblut von Harro Korn verkörpert. Am Ende leidet man sogar mit solch einem selbstgefälligen Scheusal mit. Regisseur Karbus hat die Bühne des Stadttheaters nur karg ausgestattet: neun Stühle, ein Bücher-Stapel, eine Flasche Schnaps mit zwei Gläsern. Große Gefühle brauchen Raum. Und den nutzen die Darsteller überzeugend. [...]

Allgäuer Zeitung, Feuilleton, 25.02.2013



PARADISE FOR BEGINNERS
Gelungene Premiere im TIK

Von Christine Tröger. Vieles blieb am Ende offen bei der Tanztheater-Eigenproduktion »Paradise for Beginners«, zugleich Saisonstart im Theater in Kempten und Auftakt zum 12. Kemptener Tanzherbst. Und das war durchaus gut so. Mangels vorgefertigter Antworten bot das durchweg fesselnde und absolut sehenswerte Stück zum Thema – und Spielzeitmotto – »Scheinwelten« am Freitag bereits in der Pause bei unterschiedlichsten Interpretationsansätzen anregenden Diskussionsstoff unter den Premierengästen. Wurde doch die immerwährende Suche des Menschen nach Wahrheit thematisiert und die Zuschauer dabei mit der Behauptung konfrontiert, dass wir alle mittels unserer Fantasie sowie einer Portion Selbstbetrug unser eigenes Paradies schaffen können.

Abstrakter als die bisherigen, von Jochen Heckmann choreographierten Eigenproduktionen, geht die Choreographin Caroline Finn der Welt von Schein und Sein in aneinandergereihten, kleinen, bisweilen humorvollen, aber auch ernst-tiefsinnigen Aspekten nach. Homogen stark die drei Protagonisten Imma Asensio Jimenez, Romain Guion und Dimitri La Sade-Dotti, deren tänzerische Leistung und Ausdruckskraft allein schon für einen genussvollen Abend sorgten. Während die Zuschauer noch ihre Plätze einnahmen, betrachteten sie bereits – noch ganz unaufgeregt – die weißen, leeren Kulissenwände wie interessante Gemälde im Museum. Ein plötzlich entstandener schwarzer Fleck – der sich bald schon zum Gesicht wandelte – auf der Frontkulisse sorgte für Irritation unter den Dreien und brachte schlagartig Bewegung in die Szene. War es das Tor, das sich zu den individuellen Fantasiewelten öffnete? Die Welten, die nur für denjenigen existieren, der sie in sich entdeckt und lebt? Welten, die sich abwechselnd in rasantem Tempo und hektischen, abgehackten Bewegungen abspielten, dann wieder in Zeitlupe, manchmal mit Schnittmengen, die Individuen miteinander verbanden und sich schon gleich wieder in Paralleluniversen auflösten.

Starke Lichtgestaltung
In ständige Interaktion mit dem Tanzgeschehen traten die Kulissenmalereien von Katharina Neuweg, die auch in einer kleinen Rolle als Tänzerin zu sehen war. Eine besondere Funktion kam dabei dem sich [...] immer weiter vervollständigendem Frontbild zu, das die in Musik wie Bewegung manchmal fließenden, dann wieder abrupten Wechsel zwischen hektischem Gefühlschaos und versunkener Ruhe, zwischen selbstzerstörerischer Verzweiflung und zufriedener Glückseligkeit unterstreichend begleitete. Stark im Spiel der bisweilen absurd anmutenden Scheinwelten war auch die Lichtgestaltung von Günter Schweikart, die dem Ungreifbaren des Stückes flüchtige Substanz verlieh.

Erkannte der eine Zuschauer das Leben in einer Anstalt, waren die Kulissen für den anderen schlicht die Begrenzungen zwischen Fantasiewelt und Realität. War die am Ende auftauchende vierte Person etwa ein Spielverderber, der sich die Fantasien der zuvor jeweils in die Haut eines anderen geschlüpften Protagonisten regelrecht einverleibte? Oder war es ein ätherisches Fantasiewesen, das neue Scheinwelten gebar? Oder....? Die »Wahrheit« liegt bei diesem Stück wohl in der individuellen Fantasiewelt jedes Einzelnen. Der Applaus jedenfalls war begeistert und lang.

Kreisbote, 16.10.2012



PARADISE FOR BEGINNERS
Schön schräg

Von Michael Dumler. Zu Beginn der neuen Spielzeit setzt das Theater in Kempten (TIK) mit einer fesselnden Eigenproduktion und Uraufführung ein Ausrufezeichen. Das Tanztheater »Paradise for Beginners« der Choreografin Caroline Finn im ausverkauften Theater-Oben war zudem der Startschuss für den 12. Kemptener Tanzherbst.

Der Mensch ist ein Suchender: Drei junge Tänzer – die Spanierin Inma Asensio Jimenez und die Franzosen Romain Guion und Dimitri La Sade-Dotti – studieren in »Paradise for Beginners« ihre Welt. Und die ist zunächst weiß. Links, rechts jeweils vier schräg angeordnete Wände. Hinten eine Wand mit einer Art blickdichtem Fenster, das plötzlich beleuchtet wird. Ein Pinselstrich, wie von unsichtbarer Hand auf die Fläche gezaubert, erweckt die Neugier. Das Spiel beginnt.

»Scheinwelten« ist das Motto des neuen Spielplans. Und mit Sein und Schein, Wirklichkeit und Wahn spielt Finns Tanztheater. Auf den einen Pinselstrich folgen weitere, und die schwenkbaren Wände überraschen auf ihrer Rückseite mit bunt-abstrakten Bilderwelten. Der sich verändernde Raum manipuliert die Menschen, die wie Süchtige fremdgesteuert sind. Sie taumeln, sprechen mit sich selbst oder einem imaginären Anrufer, bilden Allianzen. Zu getupften Klavierklängen geben Jimenez und La Sade-Dotti ein Liebespaar, während hinter ihnen aberwitzige Geräusche von Guion Besitz ergreifen. Eine starke, berührende Szene.

Nach der Pause geht die Mutation der Menschen weiter. Sie torkeln dem Wahn entgegen, verlieren ihren Willen, ihre Identität (durch einen Kleidertausch) und ihr Gesicht. Nachdem sie von der Bildfläche verschwunden sind, durchbrechen sie mit Tüten auf dem Kopf die nunmehr düstere Leinwand. Mit der ebenfalls verhüllten Malerin (Katharina Neuweg) setzen sie zu »Vai Vedrai« von Cirque du Soleil zu einem Totentanz an. Schaurig-schön, aber auch rätselhaft ist dieses Tanztheater (nochmals 25. Oktober, 9., 10., 11. November). Mit »Enigma« nach Éric-Emmanuel Schmitt (Februar 2013) und einer Ein-Personen-Adaption von Molières »Tartuffe« im Mai stehen beim Theater in Kempten zwei weitere Eigenproduktionen in dieser Spielzeit an. Bis 21. Oktober ist hier noch der Tanzherbst zu Gast, etwa mit einer Uraufführung der Berliner Company »Nightmare before Valentine«.

Augsburger Allgemeine, 15.10.2012



WAISEN
Spirale des Schreckens
Premiere Dennis Kellys Thriller »Waisen« ist ein packendes, tiefschürfendes Sozialdrama

Von Jana Schindler. Es war die buchstäbliche Stille nach dem Schuss, die sich über das Premierenpublikum legte, bevor sich verzögert der Applaus entlud. Und selbst dieser letzte Schuss schreckte die Zuschauer noch einmal so hoch wie der erste. Wir dürfen uns an Gewalt nicht gewöhnen, scheint Regisseur Oliver Karbus mit seiner vor Spannung flirrenden Inszenierung von Dennis Kellys Thriller »Waisen« sagen zu wollen. Drei Absolventen der Europäischen Theaterschule Bruneck haben (in Koproduktion mit dem Theater in Kempten) ein atmosphärisch dichtes, schmerzhaftes und spannungsgeladenes Kammerspiel im TheaterOben geboten.

Als die Drei auf die Bühne treten, ist das Unfassbare schon geschehen: Ein unschuldiger Mann wurde aufs Brutalste gefoltert. Und der Täter steht jetzt blutverschmiert in der Tür. Dass diese Grausamkeit geschehen ist und dass Liam der Täter ist, wissen die Zuschauer noch nicht.
Der britische Autor Kelly spielt in seinem Thriller aus dem Jahr 2009, der so tiefschürfend wie ein sozialkritisches Gesellschaftsdrama daherkommt, absolut geschickt mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Angeschnittene, unvollständige Sätze voller Andeutungen treiben die Spannung voran. Immer, wenn man glaubt, jetzt ist das Ende des Schreckens erreicht, bohrt sich die Spirale tiefer in den wahnwitzigen Gewaltexzess, der das fragile System Familie aus den Angeln hebt.
Liam (Martin Radecke) und Helen (Maria Kankelfitz) sind Geschwister und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Helen schafft es, ein mittelständigsicheres Leben mit Ehemann Danny (Bálint Walter) und Sohn zu führen. Liam dagegen leistet sich immer wieder kleinere Delikte. Und Helen, die sich schuldig fühlt, wird ihren Bruder decken, auch wenn sie damit Recht und Gesetz verletzt. Liam wird einmal sagen: »Ihr müsst hier wegziehen, hier draußen sind nur Tiere.« Doch das Tier ist er selbst. Und er zieht sie in seinem Lügengewirr alle mit hinein. »Hör auf, nur an dich zu denken, und hilf«, schnauzt Helen Danny an, was absurd ist, weil Danny der einzige ist, der an das Opfer denkt.

»Die Leute in meinen Geschichten tun einander weh,
obwohl sie einander nicht wehtun wollen.«
Autor Dennis Kelly

»Waisen« ist ein Stück über unheilvolle Loyalitäten, über die Furcht vor dem Fremden und nicht zuletzt über eine Gesellschaft, die sich aus Angst vor sozialem Absturz immer mehr an vermeintliche Sicherheiten klammert. Wie Radecke als Liam ständig seine Arme schubbert, mit schräg gelegtem Kopf auf den Boden und an seinem Gegenüber haarscharf vorbei blickt und diesen verzweifelt-komischen, unerträglichen Satz »Ich liebe euch« inflationär oft gebraucht, das ist eine grandiose Körpersozialstudie eines tiefverstörten jungen Mannes. Helen wird ihren Mann Danny emotional so erpressen, dass er, der sich moralisch stark wähnt, selbst zum Folterer wird. Am Ende ist sich Danny selbst so fremd, dass er seine Hände wie ein ekelerregendes Geschwür betrachtet. Jetzt will er das Kind, das seine Frau erwartet, nicht mehr. »Mach es weg«, ist der letzte Satz, den er zu ihr sagt.

Kelly und Karbus gönnen ihrem Publikum nach dieser quälend langsamen, apokalyptischen Entladung nicht mal zum Schluss eine Utopie menschlicher Versöhnung.

Allgäuer Zeitung, 24.04.2012



TOTENTANZ
Höllenkomik und Todhass

Von Christine Tröger. Zögernd steigert sich der Schlussapplaus, als müsse das Publikum erst wieder ankommen im Hier und Jetzt, erst realisieren, dass der eben noch irritierende »Totentanz«, in dem der schwedische Autor August Strindberg sein wohl kompliziertes Verhältnis zu Frauen verarbeitet hat, ausgetanzt ist. Dann aber kommt der Beifall in Schwung, für die ins Mark treffende Inszenierung von Oliver Karbus und das äußerst bemerkenswerte Dreiergespann auf der Bühne. Kurz gesagt, für einen »Totentanz«, dessen Intensität sich im TheaterInKempten (TIK) wohl kaum ein Zuschauer entziehen konnte. Was Harro Korn (Edgar), Patricia Litten (Alice) und Richard Aigner (Kurt) an Dichte und Glaubwürdigkeit ihrer Rollen in der zweiten Eigenproduktion des TIK dieser Spielzeit zeigten, kann man getrost »großes Theater« nennen.

Geschrieben hat Strindberg das Beziehungsdrama anno 1900. Die menschlichen Abgründe darin haben an Aktualität auch nach über 100 Jahren nichts verloren: Alice, einst Schauspielerin, und der durch und durch Hauptmann Edgar sind seit 25 Jahren verheiratet. Sie leben zurückgezogen, mit nur wenigen – meist per Telegraphen geführten – Kontakten zur Außenwelt, auf einer abgelegenen Insel. Als der gemeinsame Jugendfreund Kurt ihnen nach 15 Jahren einen Besuch abstattet, wird er zum Spielball der von Hassliebe durchtränkten Intrigen der Eheleute. Immer tiefer verfängt er sich in dem unerbittlichen Netz aus Machtspielen, »Höllenkomik und Todhass«, das Alice und Edgar aneinander kettet, sich selbst und gegenseitig zerstörend. »Hier ist so viel Hass, dass man kaum Luft bekommt«, entsetzt sich Kurt schon kurz nachdem er das häusliche »Ehegefängnis« betreten hat.

Beklemmend spürbar
Verbale und körperliche Erstarrung, die das Unerträgliche dieser Ehe bereits in den ersten Minuten für die Zuschauer beklemmend spürbar macht, sind nur harmlose Vorboten dessen, was sich in Folge mit Gift und Galle, Demütigungen, Verletzungen, Lügen und hasserfüllten Racheplänen Bahn bricht. Und doch schwebt, in wenigen Momenten offen und deutlich, meist nur als subtil wahrnehmbare Schwingung auch etwas anderes über den Kriegführenden: Die grundsätzliche Liebe füreinander, deren zerstörerische Seite sich zum unbremsbaren, zermürbenden Selbstläufer entwickelt zu haben scheint. »Merkst Du nicht, dass wir Tag für Tag dasselbe sagen?«, erkennt Edgar zu Beginn eines der zahlreichen Wortgefechte die sich immer wiederholende Spirale. Auch an – wenngleich dunkelschwarzen – komischen Szenen mangelt es nicht. Allein das Lachen mag eher im Halse stecken bleiben und der Fassungslosigkeit der stillen Beobachter Vorrang geben. Zumindest Partei ergreifen muss man nicht. Dass sich beide in nichts nach stehen wird schnell offensichtlich – auch für Kurt, der beiden helfend zur Seite stehen möchte. Für einen kurzen Moment wird der nach gescheiterter Ehe einsame Jugendfreund dann doch schwach, erliegt Alices Verführungskünsten, erniedrigt sich vor ihr – und erkennt im letzten Moment, dass er Teil des grausamen Spiels geworden ist.

Vermeintliche Befreiung
Der bereits länger todgeweihte Edgar stirbt an seinem »Steinherz«, wie er die vom Arzt diagnostizierte Verkalkung treffend selbst bezeichnet. So sehr und anhaltend sich Alice seinen Tod und die damit für sie vermeintliche Befreiung auch immer gewünscht hat: es ist der Moment, in dem sie erkennt, was sie verloren hat. »Ich habe ihn gehasst – und geliebt«, bekennt sie.

Kreisbote Kempten, 15.02.2012



TWO’S A COUPLE, THREE’S A CROWD
Drei sind keiner zuviel

Von Christian Hof. Die Auftaktveranstaltung »Two’ a couple, three’s a crowd« des 11. Kemptener Tanzherbst am 14. Oktober offenbart sich als grandiose Innenschau, in der das Beziehungsleben in Tanzvokabeln übersetzt wird.

Eigentlich hat man als Theatergänger beim Gedanken an das aktuelle Spielzeitmotto »Beziehungskiste« des THEATERINKEMPTEN zunächst lautstarke Komödien und Dramen im Sinn, die sich rund um alle Facetten des Beziehungsdaseins drehen. Nikola Stadelmann bietet allerdings mit der Auswahl der Tanztheater-Premiere »Two’ a couple, three’s a crowd« als Auftakt der Spielzeit 2011/12 eine wortlos-weise Alternative zum klassischen Bühnendialog. denn im ausdrucksstarken Gesten- und Bewegungsreichtum der drei tanzenden Protagonisten offenbaren sich abseits aller Sprachbarrieren die Tiefen unserer menschlichen Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, aber auch nach Fremde und Distanz.

In seiner inzwischen fünften Produktion für das Kemptener Theater lotet Ideengeber, Choreograf und Tänzer Jochen Heckmann im THEaterOben das immer wieder im Leben auftretende Wechselspiel zwischen Mann und Frau aus. In drei Teile gegliedert, übersetzt er gemeinsam mit Patricia Rotondaro zunächst inmitten der von Bühnenbildnerin Angela Loewen unzähligen roten, über den Tanzboten verteilten Kissen den gängigen Beziehungsalltag in bewegende Tanzfiguren. Auf- und Abklingen von gegenseitigem Begehren wird mit Selbstzweifeln konfrontiert, die Heckmann in raffiniert-verstörende Tanzinterruptionen von Beginn an in das Beziehungsthema einstreut. Eine geschwungene rote Linie fasst dabei den Tanzboden wie eine Sicherheitszone ein, deren Überschreitungen immer wieder spielerisch ausgereizt wird. Mit dem Eindringen einer neuen Frau in die Tanzsymbiose (Gemma Miró Roca) bricht diese Linie aber im zweiten Teil plötzlich auf. Die von Anfang an majestätisch im Raum stehende Pappkiste wird zum begehrten Rückzugsraum, die Kissenfläche wandelt sich zu einem Raum von Inseln, die zum Halt auf der Tanzfläche werden. Im Kampf um das richtige Zwei von Drei kämpfen plötzlich alle in choreografischen Höchstleistungen um die richtigen Konstellation, bei der aber immer mindestens einer verlieren muss. So löst sich im dritten Teil der Darbietung das Dreigestrin am Ende in drei Einsamkeiten, deren beklemmend-ausdrucksstarke Intimität hautnah erlebt werden kann.

Dass in Beziehungen immer der Blickwinkel eine große Bedeutung hat, veranschaulicht in dieser gelungenen Produktion die Anweisung an das Publikum, jeden der drei Teile des Stückes aus einer anderen Blickrichtung zu erleben. Die Sitze waren hierfür extra nicht frontal, sondern in drei Sitzblöcken um den Tanzboden herum aufgebaut worden.

Stadtmagazin 0831, November 2011



TWO’S A COUPLE, THREE’S A CROWD
Höchstes Glück, tiefster Schmerz
Jochen Heckmanns gefühlvolle Choreografie über einen Mann zwischen zwei Frauen rührt die Zuschauer an

Von Jana Schindler. Was in der letzten Spielzeit des Theaters in Kempten die grüne Spielwiese war, auf der sich alles vergnügte und verletzte, so ist es in dieser Spielzeit die (Beziehungs-)Kiste, die sich öffnet und schließt, freigibt und verschlingt. Man begegnete ihr schon bei der Saisoneröffnung und dem damit zusammenfallenden Start des Kemptener Tanzherbsts.
Jochen Heckmanns gefühlvolle Choreografie über einen Mann zwischen zwei Frauen rührt die Zuschauer an In dem Dreipersonenstück »Two’ a couple, three’s a crowd« (frei übersetzt: »Drei ist einer zu viel«) von Jochen Heckmann sitzt das Premierenpublikum mittendrin in dieser schwarzen Theater-Oben-Kiste und schaut von drei Seiten auf die mit blutroten Kissen übersäte, schwarze Tanzfläche, wo der Geschlechterkampf stattfinden wird. Ein Blick, der sich während des Abends dreimal verändert, wechseln die Zuschauer doch zweimal die Plätze, um den drei ausdrucksstarken Tänzern bei ihrer Ménage à trois zuzusehen.

Es ist Jochen Heckmanns fünfte Produktion für das Kemptener Theater, die dritte auf der kleinen Bühne. War »Empfänger verzogen« das intellektuellste, »Match Point« das witzigste Stück, dann ist das neueste Werk des Choreografen wohl das emotional anrührendste.

Da ist sie also, die Kiste: ein großer Würfel mit schwarzem Loch. Als von der Decke hängendes Kistengewucher. Das große nicht (Be-)Greifbare. Das Beziehungsgeflecht. Darunter ein knallroter Kissenhaufen (Bühne und Ausstattung: Angela Loewen). Drei Menschen, drei Perspektiven, rot die Verlockung und schwarz die unheilvollen Löcher. Bei so viel Zahlenmystik und plakativem Bühneneifer wird einem etwas bange.

Doch äußerst differenziert dann der Tanz selbst. Musikalisch untermalt von einer Klangcollage aus Max Reger sowie dem Kronos Quartet in klassischer Instrumentierung und Alltagsgeräuschen. Regen, Vogelgezwitscher am Anfang. Größtmögliche Vertrautheit eines Paares. Eine Frau (Patricia Rotondaro) und ein Mann (Jochen Heckmann) gehen beinahe symbiotisch durch ihre Kissen-Burg.

Er trägt sie auf seinen Füßen. Sie beugt sich tief nach hinten. Er hält sie an den Händen und legt seinen Kopf auf ihren Bauch. Innigkeit und Ausgelassenheit. Pause. Perspektivwechsel. Das Unbekannte, Verlockende in Gestalt der Neuen (Gemma Miró Roca) bricht herein. Die Frauen verbünden sich. Der sich animalisch windende Mann wird vom schwarzen Loch der Kiste verschluckt. Pause. Perspektivwechsel. Der Mann und die Andere, sich umarmend. Die Frau packt rote Kissen in kleine graue Kisten. Am Ende ist der Mann allein. Schmerz und Einsamkeit.

Heckmanns den Kemptenern mittlerweile vertraute Tanzsprache – seine sehr gestische Choreografie, seine fesselnden Bilder, sein fast kindliches Sprechen mit den Händen und Fingern – zeugt gerade in dieser Produktion von der Suche nach großer Wahrhaftigkeit in den tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Raum, Körper, Musik verschmelzen zu einem aufrichtigen, berührenden und intensiven Abend mit viel Applaus für drei beachtliche Tänzer im ausverkauften TheaterOben.

Allgäuer Zeitung, 17.10.2011



TWO’S A COUPLE, THREE’S A CROWD
Meisterlich und ausdrucksstark

Von Christine Tröger. Kurz gesagt, rundum stark war der Auftakt zur neuen Spielzeit im Theater in Kempten (TIK) und zugleich Startschuss für den 11. Kemptener Tanzherbst. Glänzte die Eigenproduktion »Match Point« des Choreographen und Tänzers Jochen Heckmann im vergangenen Jahr nicht zuletzt durch viele witzige Momente, hat er für diese Saison mit »Two’s a couple, three’s a crowd« – frei übersetzt »Drei sind einer zu viel« – ein Tanztheater kreiert, das von der ersten bis zur letzten Sekunde vor Spannung und Intensität nur so strotzt.

Mehr noch als bereits die Vorjahresproduktion profitiert das heuer bereits fünfte Auftragswerk Heckmanns für das TIK, von der intimen räumlichen Nähe zwischen Publikum und Tänzern im TheaterOben. Dem Spielzeitmotto »Beziehungskiste« Rechnung tragend, entwickeln die Protagonisten – zwei Frauen, ein Mann – in drei »Experimenten«, ob, wer mit wem und vor allem wie die jeweilig Beziehungskonstellation funktionieren kann. Werden die Karten neu gemischt, wenn ein Dritter in die schließlich gefundene Zweierharmonie eindringt? Oder funktioniert sie auch als »Ménage à trois«? Liebe und Leid, Hingabe, Leidenschaft, Eifersucht, Gewinner und Verlierer, Eins plus Eins, Zwei plus Eins – schlussendlich Eins, Eins, Eins. Jochen Heckmann, Patricia Rotondaro und Gemma Miró Roca führten ihr Publikum im TIK mit nuancierter und doch eindringlicher Wucht durch Gefühlshöhen und -tiefen. Drei unterschiedliche Beziehungskonstellationen. Drei Versuche das verträgliche Maß von Nähe und Distanz zu finden. Drei Variationen im Umgang mit dem »Störenfried«. Dreimal forderten die Choreographien tänzerische Höchstleistungen, die meisterlich und ausdrucksstark erfüllt wurden.

Drei unterschiedliche Blickwinkel konnte das Publikum auch perspektivisch erleben. Nach den kurzen Pausen zwischen den Episoden nahm es im Rotationsverfahren den jeweiligen Platz im nächsten der insgesamt drei Sitzblöcke ein. Ein Meer von roten Kissen setzen variable Akzente auf der schlichten, schwarz gehaltenen Bühne, die ansonsten mit nur drei sich ähnelnden »Beziehungskisten« auskam.

Zunächst unbeschwerte Zweisamkeit, in die sich schleichend eine dritte Person drängelt, im ersten Experiment. Intimität, Abgrenzung, verzweifelte Rettungsversuche, Ablehnung bis zur handgreiflichen Aggression – der »Störenfried« konzentriert die roten Kissen bei sich.

Am Ende allein
Die beiden Frauen sind allein auf der Bühne als das Licht ausgeht. Die ausgelassene Vertrautheit der beiden Frauen in Experiment zwei schmeckt dem Mann nicht. Verborgen unter verstreuten Kissenbergen umschleicht er sie beobachtend. Die beiden flüchten, als er zornig auf eine geöffnete Beziehungskiste zurobbt, zu stakkatohafter Musik mit archaischen Gesängen ein sich zu ekstatischen Bewegungen steigerndes Solo tanzt und in der Kiste verschwindet. Die ausgelassen zurückgekehrten Mädchen werden wie von Zauberhand abrupt gestoppt – die eine zitternd vor einer über ihr – in den Sternen? – hängenden Beziehungskiste stehend, die andere zögernd an der Tür des Störenfrieds. Wer wird das Wechselspiel aus Annäherungen und Zurückweisungen im dritten Experiment wohl seinen Interessen gemäß entscheiden? Rotondaro packt rote Kissen in kleine Beziehungskisten, die sie schließlich unter einer großen »begräbt«. Am Ende bleibt jeder mit sich selbst allein.

Kreisbote Kempten, 19.10.2011



FAUST FICTION
Fahrt zur Hölle
Goethes »Faust« wird in Michael Miensopusts Ein-Mann-Version des Dramas zur geistreich-frechen Fiktion

Von Jana Schindler. Die letzte Eigenproduktion des Theaters in Kempten in dieser Spielzeit heißt »Faust Fiction« und ist eine Ein-Mann-Bühnenshow. Mit dem in Kempten mittlerweile bekannten Michael Miensopust in der Hauptrolle, aber auch als sein eigener Regisseur. Als Kandidat einer möglichen Casting-Show bekommt er sein Stichwort aus dem Bühnen-Himmel zugeworfen: ein Reclam-Heftchen von Goethes Faust. Spiel, Vogel, oder stirb! Oder sing! Das Reclamheft klebt an der Hand des Protagonisten, und selbst wenn er es in den unheimlich rot und grün wabernden Papierkorb schmeißt, kommt es klettenartig an der anderen Hand wieder zum Vorschein. Die Faust-Geister, die er rief, wird er nicht mehr los.

Fahrt zur Hölle
Das Universaldrama als Erzählsolo, das «vom Himmel durch die Welt zur Hölle» verläuft, wird in Kempten auf einem »Highway to hell«, wie die Rockband AC/DC röhrend kommentiert, gegeben. Und das in AC/DC-Tempo. Die Reise, die fürs erste in die kleine Welt führt, wird mit zwei feuerroten Sitzen zitiert, die neben einer Straßenlaterne stehen und eher an die unbequemen Plastikschalen alter Straßenbahnen als an ein bequemes Cabrio erinnern. Goethe hat seine Zeit durch sein Lebenswerk «Faust» gedeutet, Miensopust leuchtet mit seiner Fiktion von »Faust« unsere Zeit aus.

Fausts Verjüngung soll per Schönheitsoperation gelingen, oder es muss – wenns natürlicher sein soll – jeden Tag Yoga absolviert werden. Dass Gretchen ihr Kind umgebracht hat, erfährt Faust durch die Nachrichten. Dann ruft er in der Psychiatrie an und versucht Gretchen wieder ins Leben zurückzuholen. Bei diesem Zugriff verzichtet Miensopust auch auf die Wörtlichkeit des Textes zugunsten einer aktualisierenden Verdeutlichung (»Du siehst mit diesem Trank im Leibe, bald Heidi Klum in jedem Weibe«).

Ist dieser Mann, der den literarischen Nationalhelden der Deutschen derart durch die Mangel nimmt, einfach nur frech-dreist oder geistreich-verspielt? Michael Miensopust ist beides. Er ist ein wuchtiger Stück-Zertrümmerer und ein umso sensibler Wiederaufbau-Meister.
Er nimmt den Goetheschen Text als Material und greift dann tief in die Werkzeugkiste der eigenen medialen und theatralen Erfahrungen, der neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung und verquirlt das alles zu einer Erzähl-Collage.

Abgenudelte Goethe-Verse werden ironisch kommentiert (»Oh je, das ist jetzt aber eine Gretchen-Frage.«) Unvermeidlich, dass da des Pudels Kern zurechtgestutzt oder haarscharf an der Parodie vorbeigeschrammt wird. Dem Publikum gefiels. Großer Applaus im kleinen Saal des Stadttheaters für einen großen Spielwütigen.

Allgäuer Zeitung, 18.05.2011



FAUST FICTION
Begeisternde Ein-Mann-Show

Von Christine Tröger. »Unterschreib mit einem Tropfen Blut. Blut ist ein ganz besondrer Saft. Winnetou und Old Shatterhand haben das auch so gemacht«, umschmeichelte Mephisto Dr. Heinrich Faust, den Vertrag zu unterzeichnen. Goethes Faust bei aller Ernsthaftigkeit des Inhalts mit unterhaltsamem Witz? Warum nicht? Im Ein-Mann-Erzähltheater »Faust Fiction – Ein virtuelles Roadmovie frei nach Goethe« zeigte das TheaterInKempten (TIK) in seiner rundum gelungenen dritten Eigenproduktion der Spielsaison, wie das funktioniert.

Die Idee zur kurzweiligen, von hintersinnig-humorvollen Einfällen strotzenden Adaption des großen Klassikers haben Theaterdirektorin Nikola Stadelmann und der schlichtweg geniale Darsteller Michael Miensopust, der bereits mit seinen Parzival- und Macbeth-Adaptionen im TIK brillierte, gemeinsam entwickelt. Die Geschichte in Kurzform: der angesehene Lehrer Heinrich Faust zieht eine niederschmetternde Lebensbilanz und verspricht dem Teufel seine Seele, sollte es ihm gelingen ihn von seinen Selbstzweifeln zu befreien. Dieser verjüngt seinen »Vertragspartner« und spielt ihm Gretchen in die Arme, die ihre Mutter sowie das gemeinsame uneheliche Kind tötet und dafür hingerichtet werden soll. Wie im Original so auch in der »Fiction«: »Gretchen ist gerichtet«, ertönt es aus Mephistos Mund, doch Engelsstimmen beruhigen den besorgten Faust, aus der Straßenlaterne verkündend »Gretchen ist gerettet«.

Grandioses Wechselspiel
Problemlos, im bisweilen rasanten Wechsel, schlüpfte Miensopust von der Haut des etwas heruntergekommenen Mephisto in die des sinnsuchenden Faust, fand sich im betörenden Gretchen, streifte deren Nachbarin Marthe und mimte auch noch Valentin, den Rache üben wollenden Bruder Gretchens. Klar, oft nur durch kleine, nicht weniger wirkungsvolle Bewegungen angezeigt, waren Mimiken und Gesten des energiesprühenden Schauspielers im Wechselspiel der Rollen. Spärliche Requisiten sowie das auf eine Bank und einen an einer Straßenlaterne befestigten Mülleimer inklusive Telefon reduzierte Bühnenbild, ließ der Fantasie der rundweg begeisterten Zuschauer zudem großen Spielraum.

Die Reise auf dem »Highway to Hell« durch die Welt traten Mephisto und Faust, wie zwei alte Kumpels beim Junggesellenabschied, im Cadillac an. Auch wenn viele Szenen in der Gegenwart angesiedelt waren und Textpassagen sich frei entfalteten, blieb das Stück mit zahlreichen Originalpassagen doch durchgehend nah am ursprünglichen Goethe-Text. Dass die Hexenküche, in der Faust seinen Verjüngungs- und Liebessehnsuchtstrunk gebraut bekam, die Assoziation mit einem Drive-In-Restaurant in einer eher abgehalfterten Gegend mehr als nahe legte, dass Mephisto gelegentlich deftige Unwörter entschlüpften oder dieser die intime Begegnung von Faust und Gretchen mit Handpuppen – doppelsinnig? – eigenhändig führte: Vielleicht gesellte sich dadurch zu den in Goethes Faust aufgeworfenen Fragen nach Gut und Böse, Himmel und Hölle, Sinn des Lebens und was die Welt zusammenhält noch eine vor allem die Jetztzeit betreffende Frage: Wie steht es um Abgestumpftheit oder Respekt?

»Vielleicht mache ich Dich zum Verteidigungsminister«, brabbelte Mephisto am Ende des Stücks, bereits Pläne für einen zweiten Teil »Faust Fiction« schmiedend, und verließ das Kemptener TheaterOben ganz und gar zeitgemäß auf einem Segway.

Kreisbote Kempten, 18.05.2011



KASIMIR UND KAROLINE
Verlorene Seelen
Ödön von Horváths Volksstück »Kasimir und Karoline« im Kemptener Theater geht unter die Haut

Von Jana Schindler. Kontrastreicher kann ein Theaterabend nicht sein. Das Oktoberfest, eigentlich Schauplatz des Volksstücks »Kasimir und Karoline« von Ödön von Horváth, fand im Foyer des Theaters in Kempten (TIK) und nicht auf der Bühne statt. Schunkelmusik der Stadtkapelle und Freibier für alle, die in Tracht kamen. Und es waren viele. Auf der Bühne wars dann freilich vorbei mit Leutseligkeit und Gemütlichkeit. Ein kahles grünes Podest als Wiesn. Ein Hintergrundprospekt mit einem einzigen Luftballon oder dem Mond am Fest-Himmel. Hinsetzen konnten sich die Akteure nur auf den Boden.

Unerbittlich zeigte sich Regisseur Oliver Karbus in dieser Co-Produktion mit dem Stadttheater Bruneck und lieferte seine Schauspieler schonungslos einander aus. Am Anfang stehen sie alle da, den Blick sehnsuchtsvoll nach oben gerichtet zum Zeppelin, von dem nur ein leises Surren zu hören ist. Quasi die unterdrückten Aggressionen dieses Querschnitts der Gesellschaft - der Kommerzienrat neben dem Zuschneider, die Büroangestellte neben dem Kleinkriminellen. «Bald werden wir alle fliegen», sagt einer von ihnen. Dieser Satz wird nicht nur einmal fallen und ist so doppelsinnig wie programmatisch. Denn die Zeiten sind schlecht.

Horváths  »Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut«, die er als »treuer Chronist« (Horváth) seiner Zeit in den 1930er Jahren aufschrieb, verstört auch heute noch. Regisseur Karbus hat das Stück mithilfe von Musik, Kostümen (Monika Herédi) und der Körpersprache der Darsteller aktualisiert. Horváths Sprache dagegen hat Karbus sehr genau genommen. Horváths Figuren reden klischeehaft und allgemein. Zwischen den Zeilen aber, in den Redepausen, da kann man in die Abgründe ihrer verlorenen Seelen schauen. Das war großartig umgesetzt.

Die Liebe kommt abhanden
»Und die Liebe höret nimmer auf«, stellt Horváth seinem Volksstück voran. Und doch geht auf diesem Fest die Liebe zwischen dem eigentlich gutmütigen Kasimir (Benjamin Ulbrich) und seiner Braut Karoline (Sara Sommerfeldt) verloren. Als Kasimir sie in seinem Frust verletzt, sucht sie trotzig Trost beim Zuschneider Schürzinger. Leicht näselnd, in einem weinerlichen Singsang gab Johannes Gabl wunderbar leicht und komisch zugleich einen einsamen, verträumten Poeten, der natürlich trotzdem auf seinen Vorteil bedacht ist. Das andere Paar, eine Stufe drunter: Dem Merkl Franz seine Erna (Julia Loibl) und seine Wenigkeit in Ledermantel und Krawatte (Thomas Lackner). Der König der Underdogs, jederzeit zum Zuschlagen bereit. Erna, immer in Habacht-Stellung, die Arme schützend vor der Brust. Sie zuckt schon zusammen, wenn er ihr nur die Handschuhe hinhält. Will sie ihn küssen, greift er ihr brutal ins Gesicht, sie lächelt trotzdem glücklich. Das war ausgezeichnet gespielt und unheimlich anzuschauen. Auch Sara Sommerfeldt spielt sehr glaubhaft ihre Karoline, die sich zu etwas Höherem aufschwingen will. Einerseits romantisch naiv, andererseits kokett berechnend liefert sie sich den unverhohlen lüsternen Herren Rauch (Horst Herrmann) und Speer (Richard Aigner) aus. Ein erstklassiger Theaterabend mit Gänsehauteffekten, der jedoch nie zu schwer geriet und ein begeistertes und glückliches Premierenpublikum hinterließ.

Allgäuer Zeitung, 23.02.2011



KASSIMIR UND KAROLINE
Kasimir und Karoline im Hier und Jetzt

Von Nadia Pantel. Kempten – Eigentlich hatte Karoline sich doch nur mit ihrem Bräutigam Kasimir auf dem Oktoberfest amüsieren wollen. Doch als die Nacht zu Ende geht, ist die Liebe zerbrochen. Im rosa Kleidchen und mit aufgelöster Frisur verabschiedet Karoline ihre Träume: »Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nie dabeigewesen.« Regisseur Oliver Karbus, der Ödön von Horváths Stück für das THEATERINKEMPTEN inszeniert hat, nimmt die Helden ernst. Er macht aus Kasimir (Benjamin Ulbrich) und Karoline (Sara Sommerfeldt) keine Festzelt-Karikaturen, sondern fühlt sich ein in zwei strauchelnde Glückssucher - in Kasimirs Arbeitslosigkeit und in seine Selbstzweifel; in Karolines Lebenshunger und ihre Verletzlichkeit.

Horváth hat sein »Volksstück« während der Weltwirtschaftskrise geschrieben. 80 Jahre später habe der Text nichts an Aktualität eingebüßt, sind sich Karbus und Nikola Stadelmann, die künstlerische Leiterin des Theaters, einig und entwerfen den Abend als Porträt der heutigen Gesellschaft. Dieser Ansatz stößt auf Resonanz, die Premiere am Samstag ist ausverkauft. Die Mehrheit der Gäste erscheint in Tracht und sichert sich somit ein Freibier. »Wir simulieren hier im Foyer das Oktoberfest, dann kommen wir auf der Bühne ohne die Wies'n aus«, kommentiert Stadelmann den Fassanstich im Kreis der Dirndl- und Lodenträger. Die Aufführung selbst ist von Volkstümelndem befreit. Allein die vulgär-schmissigen Dance-Schlager, die zwischen den Szenen eingespielt werden, verorten den Abend im Hier und Jetzt. Klaus Gasperis Bühnenbild reduziert sich auf Fotoprojektionen, die im Hintergrund den Übergang vom Tag zur Nacht illustrieren. In Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bruneck wurde für diese Eigenproduktion ein Ensemble gewonnen, dem es gelingt, die entschlackte Version des Stückes mit Intimität aufzuladen.

Süddeutsche Zeitung, 21.02.2011



MATCH POINT
Spiel, Satz und Sieg
Jochen Heckmanns humorvoll-athletische Choreografie »Match Point« im Stadttheater:
So macht modernes Tanztheater Spaß – Raffiniertes Bühnenbild mit Bierkisten

Von Klaus-Peter Mayr. Kemptens Theaterdirektorin Nikola Stadelmann erklärte ihr Haus für die nächsten neun Monate zur »Spielwiesn«. Schon bei der ersten Eigenproduktion zum Saisonstart hat sie - um im Bild zu bleiben – einen schönen Sieg eingefahren. Das Publikum sah bei der ausverkauften Uraufführung des Tanztheaters mit dem sinnigen Titel »Match Point« eine unterhaltsame Partie mit einem starken Team.

Dessen Kapitän ist ein Altbekannter im Theater in Kempten (TIK): Jochen Heckmann. Er hat seit der Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 2007 schon dreimal Tanz auf die Bühne gebracht – mit durchwachsenem Erfolg. Doch Cheftrainerin Stadelmann, mit Heckmann schon lange verbunden, hielt an dem Tänzer und Choreografen fest. Was sich diesmal voll auszahlte.

Heckmann scharte für »Match Point« vier junge, aber schon recht reife und ausdrucksstarke Tänzerinnen und Tänzer um sich und gewann die erfahrene Angela Loewen fürs Bühnenbild und die Kostüme. Ein schlagkräftiges Team. Auch der Austragungsort war gut gewählt. Die Mannschaft lief im kleinen Saal, dem TheaterOben, auf, das wie eine Arena gestuhlt war.

Die rund 160 Zuschauer wurden in zwei Hälften aufgeteilt und setzten sich auf gegenüberliegende Tribünen. Getanzt wurde auf einem sechs mal zwölf Meter großen Rechteck zwischen dem Publikum. Eine gute Platzwahl. Tanz wird so zu einem hautnahen Erlebnis: Die Zuschauer sehen, wie sich die Muskeln und Sehnen spannen und entspannen, sie spüren den Lufthauch von Bewegungen, riechen die Körper, kriegen auch mal einen Schweißtropfen ab. Ja, es wurde richtig gekämpft in dieser Partie. Jochen Heckmann und seine Mitstreiter Caroline Finn, Corneliu Ganea, Ivonne Kalter und Patricia Rotondaro beackern das weite Feld des Sports.

Sport ist alles – bloß kein Spaß. Es gibt kaum einen ruhigen Augenblick in diesen zweimal 45 Minuten. Nur am Anfang, da schleichen sich die fünf Tänzer leise auf den Platz. Aber gleich beginnt eine Art Reise nach Jerusalem. Erst konkurrieren die einzelnen Spieler-Tänzer um den freien Stuhl, später um den Sieg. Sie buhlen um die Gunst des Publikums, schleichen als Verlierer vom Feld, müssen sich im Duell Mann-gegen-Mann oder Frau-gegen-Frau behaupten. Sind aggressiv und nachgiebig, freuen sich und sind enttäuscht, triumphieren und zeigen sich irritiert. Nette Mädchen verwandeln sich in geifernde Zicken, Burschen in Bengel. Selbst Liebesspiele geraten zu Wettkämpfen.

Für all diese sportlich-menschlichen Regungen, die bisweilen wie Kleinkinderspiele wirken, hat Jochen Heckmann sich eine flüssige, schlüssige Choreografie mit viel Humor, Ironie und Athletik einfallen lassen. Da geht es mal vier gegen einen oder drei gegen zwei. Zur Abwechslung dürfen mal zwei miteinander. Wunderbar beschleunigen und verdichten die Tänzer ihre Bewegungen, raffiniert werden Sequenzen gespiegelt und variiert.

Wer dann mal siegt, darf aufs Treppchen und den Pokal küssen. Beides, Treppchen und Pokal, sind banale graue Bierkisten. Mehrere Dutzend stehen auf der Bühne herum, bilden mal den Spielfeldrand, mal eine Mauer, dienen als Schlittschuhe oder Hürden. Auch das eine super Idee mit super Umsetzung.

Wer modernes Tanztheater auf solche Weise inszeniert, wird Freunde gewinnen für diese Kunstform, die im Allgäu immer noch ein Mauerblümchen-Dasein fristet. Das Publikum bei der Premiere hatte jedenfalls seine helle Freude. Spiel, Satz und Sieg für Heckmann und das Theater in Kempten.

Allgäuer Zeitung, 22.10.2010



MATCH POINT
Von Siegern und Verlierern
Tanztheater »Match Point« entführt in die Welt des Sports

Von Christine Tröger. In der Welt des Sports hat der Tänzer und Choreograph Jochen Heckmann sein Tanztheater »Match Point« mit Witz und Hintersinn aufs Spielfeld gebracht. Vergangene Woche feierte es im TheaterOben eine gelungene Uraufführung. Zum Auftakt der neuen Saison des TheaterInKempten (TIK), der erstmals im Rahmen des Tanzherbstes stattfand, hat Heckmann in seiner vierten Choreographie für das TIK ein ausgefeiltes Spiel des Lebens inszeniert und choreographiert, das im Sport sein komprimiertes Ebenbild fand: Wettstreit mal mit Teamgeist, mal als Einzelkämpfer, Ehrgeiz, Rivalität und Eitelkeiten, auf dem Treppchen im Rampenlicht stehen oder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Siegesrausch und Niederlage – und auch die Freude am Sich-Messen und einfach die Lust am Spiel beherrschten die Szenen. Wie bei einem Tennismatch konnten die Zuschauer auf Tribünen längs des rechteckigen Spiel- beziehungsweise Bühnenfeldes, ganz nah dran, mitfiebern. Abgesehen vom ersten »Match«, bei dem sich das ausdrucksstarke Tanzteam – Caroline Finn, Patricia Rotondaro, Ivonne Kalter, Corneliu Ganea und Jochen Heckmann – still und leise in den vom Sportsgeist beseelten Ring des Lebens schlich, waren es schnelle, zeitweise schon athletische Sequenzen, die das Publikum im ausverkauften TheaterOben zweimal 45 Minuten lang in Atem hielt.

Bilder, die, wie der Fehlstart beim Schwimmwettbewerb, der harten Wirklichkeit des Leistungssports entlehnt sind, wechselten mit spielerischen Szenen, die ihre Inspirationsquelle in Kitas oder ähnlichem vermuten ließ. Aber die Welt der Erwachsenen machte auch aus der zunächst harmlos beginnenden, leicht modifizierten »Reise nach Jerusalem« bald einen ehrgeizigen Kampf um den Sieg.

Vielfältige Aufnahmen
So vielfältig die Momentaufnahmen der Spielarten des Lebens über das Spielfeld – oder auch mal durch das fiktive Schwimmbecken – rauschten, so rasch und wechselhaft formierten sich die Konstellationen im Kräftemessen: Frau mit oder gegen Frau oder selbiges unter Männern, natürlich auch im gemischten Doppel und schlussendlich alle gegen einen oder umgekehrt. Blieb bei der ersten Spielhälfte noch die eine oder andere Verständnisfrage offen – was der Sache keinen Abbruch tat –, wurde es in der zweiten konkreter und leichter nachvollziehbar. Dass weniger manchmal mehr ist, bewies Angela Loewen mit einem feinen Händchen für Bühnenbild und Kostüme. Ersteres bestand aus stapelweise grau gestrichener Bierkisten, die als Einfassung des Spielfeldes, als Turm, als Mauer, als Siegerpodest, Schlittschuhe, Startblöcke und was nicht noch alles fungierten. »Erfolg tut gut«, steht im Umschlag des Programmhefts zu »Match Point«. Mit dem Tanztheater hat das TIK schon mal einen erfolgreichen Saisonstart hingelegt.

Kreisbote Kempten, 27.10.2010


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