
In den Medien
Berichte zur Premiere "Sein oder Nichtsein" im THEATERINKEMPTENauf B2 Kulturleben (bei Minute 22:30) und TV Allgäu (einfach auf den Link klicken).
Allgäuer Zeitung, 24.11.2011
Wie aus einer anderen Welt
Spitzengeigerin Midori und der exquisite Pianist Özgür Aydin verzaubern im ausverkauften Kemptener Stadttheater
Mozart, Brahms, Janácek und Schubert
Ein erlesenes und musikalisch überragendes Kammerkonzert war im ausverkauften Theater in Kempten im Rahmen der Reihe "Meisterkonzerte" zu erleben. Zu hören waren Werke für Violine und Klavier mit der in Japan geborenen Spitzengeigerin Midori und dem hervorragenden Pianisten Özgür Aydin.
Am Beginn stand die Sonate KV 526 von Mozart, die besonders im dritten Satz noch stark dem Klavier verpflichtet ist. Das Presto wurde denn auch von Aydin vorwärts stürmend eingeleitet. Es folgten Passagen mit brillant und äußerst exakt ausgeführten Läufen bei (werkgerecht) sparsamem Einsatz des Pedals. Die beiden ersten Sätze „gehörten“ jedoch der Violinistin. Ungewöhnlich zart, fast verträumt, gestaltete sie den Violinpart.
Manche Pianostellen gingen nahezu ins pianissimo über oder wirkten fast „gehaucht“. Das Ergebnis war eine ungewöhnliche Mozart-Interpretation, die von den üblichen Pfaden deutlich abwich.
Das Publikum bekam einen ersten Eindruck vom sensiblen Spiel der Geigerin und vom Klang des wertvollen Instrumentes von Giuseppe Guarneri del Gesu aus dem Jahr 1734.
Die Violinsonate Opus 78 von Johannes Brahms gab beiden Künstlern Gelegenheit, sich bestens zu präsentieren. Gleich zu Beginn des ersten Satzes war Midori nun mit mehr Verve als bei Mozart zu erleben. Wieder spielte sie enorm konzentriert, besonders bei der Ausgestaltung langer Spannungsbögen und der Dynamik. Aydin trug dabei das Seine zum Gelingen bei.
Die kurze Klaviereinleitung zu Beginn des zweiten Satzes gelang ihm ausgezeichnet und fand ihre stimmige Fortsetzung im ausdrucksstarken Spiel von Midori. Hier trugen zwei Solisten in harmonischem Zusammenwirken zum Gelingen des Ganzen bei. Das war nicht „Brahms von der Stange“, sondern eine Interpretation, die aufhorchen ließ.
Rein und leicht in Extremlagen
Der Höhepunkt des Konzerts war die Sonate für Violine und Klavier von Leos Janácek. Bewegt (con moto), geradezu impulsiv, begann Midori und pflegte in allen Sätzen eine enorme Dynamik, die gelegentlich Töne geradezu „verlöschen“ ließ aber auch schroffe motivische Einwürfe hervorbrachte. Ihr Spiel war stets von enormer Reinheit und Leichtigkeit, selbst in Extremlagen.
Tosender Applaus
Zum Abschluss erklang Franz Schuberts Fantasie für Violine und Klavier – ein kleines Violinkonzert. Die Harmonie zwischen den Interpreten kam auch hier wieder voll zur Geltung, insbesondere im Schlusssatz (Allegro vivace). Das war wie Musik aus einer anderen Welt.
Das Publikum dieses Meisterkonzertes erlebte in Midori eine veritable (Groß-)Meisterin und bedankte sich mit tosendem Applaus. Dieser wurde wiederum mit zwei Zugaben belohnt.
P. S.: Midori hat versprochen wiederzukommen.
Stadtmagazin 0831, Ausgabe November
Drei sind keiner zuviel
Von Christian Hof
Die Auftaktveranstaltung „Two’ a couple, three’s a crowd“ des 11. Kemptener Tanzherbst am 14. Oktober offenbart sich als grandiose Innenschau, in der das Beziehungsleben in Tanzvokabeln übersetzt wird.
Eigentlich hat man als Theatergänger beim Gedanken an das aktuelle Spielzeitmotto "Beziehungskiste" des THEATERINKEMPTEN zunächst lautstarke Komödien und Dramen im Sinn, die sich rund um alle Facetten des Beziehungsdaseins drehen. Nikola Stadelmann bietet allerdings mit der Auswahl der Tanztheater-Premiere „Two’ a couple, three’s a crowd“ als Auftakt der Spielzeit 2011/12 eine wortlos-weise Alternative zum klasischen Bühnendialog. denn im ausdrucksstarken Gesten- und Bewegungsreichtum der drei tanzenden Protagonisten offenbaren sich abseits aller Sprachbarrieren die Tiefen unserer menschlichen Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, aber auch nach Fremde und Distanz.
In seiner inzwischen fünften Produktion für das Kemptener Theater lotet Ideengeber, Choreograf und Tänzer Jochen Heckman im THEaterOben das immer wieder im Leben auftretende Wechselspiel zwischen Mann und Frau aus. In drei Teile gegliedert, übersetzt er gemeinsam mit Patricia Rotondaro zunächst inmitten der von Bühnenbildnerin Angela Loewen unzähligen roten, über den Tanzboten verteilten Kissen den gängigen Beziehungsalltag in bewegende Tanzfiguren. Auf- und Abklingen von gegenseitigem Begehren wird mit Selbstzweifeln konfrontiert, die Heckmann in raffiniert-verstörende Tanzinterruptionen von Beginn an in das Beziehungsthema einstreut. Eine geschwungene rote Linie fasst dabei den Tanzboden wie eine Sicherheitszone ein, deren Überschreitungen immer wieder spielerisch ausgereizt wird. Mit dem Eindringen einer neuen Frau in die Tanzsymbiose (Gemma Miró Roca) bricht diese Linie aber im zweiten Teil plötzlich auf. Die von Anfang an majestätisch im Raum stehende Pappkiste wird zum begehrten Rückzugsraum, die Kissenfläche wandelt sich zu einem Raum von Inseln, die zum Halt auf der Tanzfläche werden. Im Kampf um das richtige Zwei von Drei kämpfen plötzlich alle in choreografischen Höchstleistungen um die richtigen Konstellation, bei der aber immer mindestens einer verlieren muss. So löst sich im dritten Teil der Darbietung das Dreigestrin am Ende in drei Einsamkeiten, deren beklemmend-ausdrucksstarke Intimität hautnah erlebt werden kann.
Dass in Beziehungen immer der Blickwinkel eine große Bedeutung hat, veranschaulicht in dieser gelungenen Produktion die Anweisung an das Publikum, jeden der drei Teile des Stückes aus einer anderen Blickrichtung zu erleben. Die Sitze waren hierfür extra nicht frontal, sondern in drei Sitzblöcken um den Tanzboden herum aufgebaut worden.
Allgäuer Zeitung, 17.10.2011
Höchstes Glück, tiefster Schmerz
Jochen Heckmanns gefühlvolle Choreografie über einen Mann zwischen zwei Frauen rührt die Zuschauer an
Von Jana Schindler
Was in der letzten Spielzeit des Theaters in Kempten die grüne Spielwiese war, auf der sich alles vergnügte und verletzte, so ist es in dieser Spielzeit die (Beziehungs-)Kiste, die sich öffnet und schließt, freigibt und verschlingt. Man begegnete ihr schon bei der Saisoneröffnung und dem damit zusammenfallenden Start des Kemptener Tanzherbsts.
Jochen Heckmanns gefühlvolle Choreografie über einen Mann zwischen zwei Frauen rührt die Zuschauer an In dem Dreipersonenstück „Two’ a couple, three’s a crowd“ (frei übersetzt: „Drei ist einer zuviel“) von Jochen Heckmann sitzt das Premierenpublikum mittendrin in dieser schwarzen Theater-Oben-Kiste und schaut von drei Seiten auf die mit blutroten Kissen übersäte, schwarze Tanzfläche, wo der Geschlechterkampf stattfinden wird. Ein Blick, der sich während des Abend dreimal verändert, wechseln die Zuschauer doch zweimal die Plätze, um den drei ausdrucksstarken Tänzern bei ihrer Ménage à trois zuzusehen.
Es ist Jochen Heckmanns fünfte Produktion für das Kemptener Theater, die dritte auf der kleinen Bühne. War „Empfänger verzogen“ das intellektuellste, „Match Point“ das witzigste Stück, dann ist das neueste Werk des Choreografen wohl das emotional anrührendste.
Da ist sie also, die Kiste: ein großer Würfel mit schwarzem Loch. Als von der Decke hängendes Kistengewucher. Das große nicht (Be-)Greifbare. Das Beziehungsgeflecht. Darunter ein knallroter Kissenhaufen (Bühne und Ausstattung: Angela Loewen). Drei Menschen, drei Perspektiven, rot die Verlockung und schwarz die unheilvollen Löcher. Bei so viel Zahlenmystik und plakativem Bühneneifer wird einem etwas bange.
Doch äußerst differenziert dann der Tanz selbst. Musikalisch untermalt von einer Klangcollage aus Max Reger sowie dem Kronos Quartet in klassischer Instrumentierung und Alltagsgeräuschen. Regen, Vogelgezwitscher am Anfang. Größtmögliche Vertrautheit eines Paares. Eine Frau (Patricia Rotondaro) und ein Mann (Jochen Heckmann) gehen beinahe symbiotisch durch ihre Kissen-Burg.
Er trägt sie auf seinen Füßen. Sie beugt sich tief nach hinten. Er hält sie an den Händen und legt seinen Kopf auf ihren Bauch. Innigkeit und Ausgelassenheit. Pause. Perspektivwechsel. Das Unbekannte, Verlockende in Gestalt der Neuen (Gemma Miró Roca) bricht herein. Die Frauen verbünden sich. Der sich animalisch windende Mann wird vom schwarzen Loch der Kiste verschluckt. Pause. Perspektivwechsel. Der Mann und die Andere, sich umarmend. Die Frau packt rote Kissen in kleine graue Kisten. Am Ende ist der Mann allein. Schmerz und Einsamkeit.
Heckmanns den Kemptenern mittlerweile vertraute Tanzsprache – seine sehr gestische Choreografie, seine fesselnden Bilder, sein fast kindliches Sprechen mit den Händen und Fingern – zeugt gerade in dieser Produktion von der Suche nach großer Wahrhaftigkeit in den tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Raum, Körper, Musik verschmelzen zu einem aufrichtigen, berührenden und intensiven Abend mit viel Applaus für drei beachtliche Tänzer im ausverkauften Theater-Oben.
Weitere Vorstellungen im Theater in Kempten am 18. November (20 Uhr) und 19. November (19 Uhr). Jeweils eine dreiviertel Stunde vorher gibt es eine Einführung.
Kreisbote Kempten, 19.10.2011
Meisterlich und ausdrucksstark
Von CHRISTINE TRÖGER
Kempten – Kurz gesagt, rundum stark war der Auftakt zur neuen Spielzeit im Theater in Kempten (TIK) und zugleich Startschuss für den 11. Kemptener Tanzherbst. Glänzte die Eigenproduktion „Match Point“ des Choreographen und Tänzers Jochen Heckmann im vergangenen Jahr nicht zuletzt durch viele witzige Momente, hat er für diese Saison mit „Two’s a couple, three’s a crowd“ – frei übersetzt „Drei sind einer zuviel“ – ein Tanztheater kreiert, das von der ersten bis zur letzten Sekunde vor Spannung und Intensität nur so strotzt.
Mehr noch als bereits die Vorjahresproduktion profitiert das heuer bereits fünfte Auftragswerk Heckmanns für das TIK, von der intimen räumlichen Nähe zwischen Publikum und Tänzern im TheaterOben. Dem Spielzeitmotto „Beziehungskiste“ Rechnung tragend, entwickeln die Protagonisten – zwei Frauen, ein Mann – in drei „Experimenten“, ob, wer mit wem und vor allem wie die jeweilig Beziehungskonstellation funktionieren kann. Werden die Karten neu gemischt, wenn ein Dritter in die schließlich gefundene Zweierharmonie eindringt? Oder funktioniert sie auch als „Ménage à trois“? Liebe und Leid, Hingabe, Leidenschaft, Eifersucht, Gewinner und Verlierer, Eins plus Eins, Zwei plus Eins – schlussendlich Eins, Eins, Eins. Jochen Heckmann, Patricia Rotondaro und Gemma Miró Roca führten ihr Publikum im TIK mit nuancierter und doch eindringlicher Wucht durch Gefühlshöhen und -tiefen. Drei unterschiedliche Beziehungskonstellationen. Drei Versuche das verträgliche Maß von Nähe und Distanz zu finden. Drei Variationen im Umgang mit dem „Störenfried“. Dreimal forderten die Choreographien tänzerische Höchstleistungen, die meisterlich und ausdrucksstark erfüllt wurden.
Drei unterschiedliche Blickwinkel konnte das Publikum auch perspektivisch erleben. Nach den kurzen Pausen zwischen den Episoden nahm es im Rotationsverfahren den jeweiligen Platz im nächsten der insgesamt drei Sitzblöcke ein. Ein Meer von roten Kissen setzen variable Akzente auf der schlichten, schwarz gehaltenen Bühne, die ansonsten mit nur drei sich ähnelnden „Beziehungskisten“ auskam.
Zunächst unbeschwerte Zweisamkeit, in die sich schleichend eine dritte Person drängelt, im ersten Experiment. Intimität, Abgrenzung, verzweifelte Rettungsversuche, Ablehnung bis zur handgreiflichen Aggression – der „Störenfried“ konzentriert die roten Kissen bei sich.
Am Ende allein
Die beiden Frauen sind allein auf der Bühne als das Licht ausgeht. Die ausgelassene Vertrautheit der beiden Frauen in Experiment zwei schmeckt dem Mann nicht. Verborgen unter verstreuten Kissenbergen umschleicht er sie beobachtend. Die beiden flüchten, als er zornig auf eine geöffnete Beziehungskiste zurobbt, zu stakkatohafter Musik mit archaischen Gesängen ein sich zu ekstatischen Bewegungen steigerndes Solo tanzt und in der Kiste verschwindet. Die ausgelassen zurückgekehrten Mädchen werden wie von Zauberhand abrupt gestoppt – die eine zitternd vor einer über ihr – in den Sternen? – hängenden Beziehungskiste stehend, die andere zögernd an der Tür des Störenfrieds. Wer wird das Wechselspiel aus Annäherungen und Zurückweisungen im dritten Experiment wohl seinen Interessen gemäß entscheiden? Rotondaro packt rote Kissen in kleine Beziehungskisten, die sie schließlich unter einer großen „begräbt“. Am Ende bleibt jeder mit sich selbst allein.
>> TV Allgäu vom 14.10.2011
Körper und Melodie: THEATERINKEMPTEN eröffnet mit einem Beziehungsdrama
http://www.youtube.com
Spielzeit 2010/11
>> Allgäuer Zeitung vom 25.05.2011
Kempten (Jana Schindler)
Kindertheater in Kempten endet mit einem Wunderwerk
Ann-Kathrin Klatt entführt nach China
Ein Gong hängt wie ein glänzender Mond über der Tigerhöhle. Mit weiß geschminktem Gesicht und rot umrandeten Augen, einem schwarzen Hut und kimonoähnlichem, pink-rotem Mantel entführt Anne-Kathrin Klatt die Kinder im Theater-Oben in Kempten tänzelnd und in höchsten Tönen singend in die fremde faszinierende Welt der Peking-Oper und der chinesischen Mythen.
Sie erzählt die Geschichte des kleinen Prinzen Wen, den seine Eltern in den Dschungel zur Tigerin bringen müssen, um Frieden für ihr Volk zu bekommen. «Es wurde Frieden, und mit dem neuen König Wen regierte die Klugheit des Königspaares, die Stärke der Tigerin und die Weisheit der Steine.» Was die Zeichnungen in dem preisgekrönten Bilderbuch von Chen Jianghong, nach dem die Figurenspielerin ihr Erzähltheater gestaltet hat, erzählen und was zwischen den Zeilen steht, kommt in dieser hinreißenden Inszenierung zur vervollkommnenden Verkörperung. Regie führte wieder einmal Michael Miensopust.
Klatt vermag ein einzigartiges, kleines, höchst stilisiertes Kunstwerk aus Erzählung, Musik, Tanz, Schatten- und Figurenspiel zu schaffen. Zum Abschluss dieser Spielzeit zeigte das Landestheater Tübingen erneut, wie wenig es braucht, um Kinder in den Bann zu ziehen. Ein Augenaufschlag und eine winzige Geste genügen, um zu erzählen, wie die Tigerin das Menschenkind gewinnt.
Viel Applaus und Bravos für eine großartige Darstellerin und ihr kleines Peking-Wunder-Werk.
>> Allgäuer Zeitung vom 18.05.2011
Kempten/ Jana Schindler
Fahrt zur Hölle
Theater in Kempten | Goethes „Faust“ wird in Michael MiensopustsEin-Mann-Version des Dramas zur geistreich-frechen Fiktion
Die letzte Eigenproduktion des Theaters in Kempten in dieser Spielzeit heißt «Faust Fiction» und ist eine Ein-Mann-Bühnenshow. Mit dem in Kempten mittlerweile bekannten Michael Miensopust in der Hauptrolle, aber auch als sein eigenen Regisseur. Als Kandidat einer möglichen Casting-Show bekommt er sein Stichwort aus dem Bühnen-Himmel zugeworfen: ein Reclam-Heftchen von Goethes Faust. Spiel, Vogel, oder stirb! Oder sing! Das Reclamheft klebt an der Hand des Protagonisten, und selbst wenn er es in den unheimlich rot und grün wabernden Papierkorb schmeißt, kommt es klettenartig an der anderen Hand wieder zum Vorschein. Die Faust-Geister, die er rief, wird er nicht mehr los.
Fahrt zur Hölle
Das Universaldrama als Erzählsolo, das «vom Himmel durch die Welt zur Hölle» verläuft, wird in Kempten auf einem «Highway to hell», wie die Rockband AC/DC röhrend kommentiert, gegeben. Und das in AC/DC-Tempo. Die Reise, die fürs erste in die kleine Welt führt, wird mit zwei feuerroten Sitzen zitiert, die neben einer Straßenlaterne stehen und eher an die unbequemen Plastikschalen alter Straßenbahnen als an ein bequemes Cabrio erinnern. Goethe hat seine Zeit durch sein Lebenswerk «Faust» gedeutet, Miensopust leuchtet mit seiner Fiktion von «Faust» unsere Zeit aus.
Fausts Verjüngung soll per Schönheitsoperation gelingen, oder es muss - wenns natürlicher sein soll - jeden Tag Yoga absolviert werden. Dass Gretchen ihr Kind umgebracht hat, erfährt Faust durch die Nachrichten. Dann ruft er in der Psychiatrie an und versucht Gretchen wieder ins Leben zurückzuholen. Bei diesem Zugriff verzichtet Miensopust auch auf die Wörtlichkeit des Textes zugunsten einer aktualisierenden Verdeutlichung («Du siehst mit diesem Trank im Leibe, bald Heidi Klum in jedem Weibe»).
Ist dieser Mann, der den literarischen Nationalhelden der Deutschen derart durch die Mangel nimmt, einfach nur frech-dreist oder geistreich-verspielt? Michael Miensopust ist beides. Er ist ein wuchtiger Stück-Zertrümmerer und ein umso sensibler Wiederaufbau-Meister.
Er nimmt den Goetheschen Text als Material und greift dann tief in die Werkzeugkiste der eigenen medialen und theatralen Erfahrungen, der neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung und verquirlt das alles zu einer Erzähl-Collage.
Abgenudelte Goethe-Verse werden ironisch kommentiert («Oh ne, das ist jetzt aber eine Gretchen-Frage.) Unvermeidlich, dass da des Pudels Kern zurechtgestutzt oder haarscharf an der Parodie vorbeigeschrammt wird. Dem Publikum gefiels. Großer Applaus im kleinen Saal des Stadttheaters für einen großen Spielwütigen.
>> Kreisbote Kempten | 18.05.2011
Begeisternde Ein-Mann-Show
Von CHRISTINE TRÖGERKempten – „Unterschreib mit einem Tropfen Blut. Winnetou und Old Shatterhand haben das auch so gemacht“, umschmeichelte Mephisto Dr. Heinrich Faust, den Vertrag zu unterzeichnen. Goethes Faust bei aller Ernsthaftigkeit des Inhalts mit unterhaltsamem Witz? Warum nicht? Im Ein-Mann-Erzähltheater „Faust Fiction – Ein virtuelles Roadmovie frei nach Goethe“ zeigte das TheaterInKempten (TIK) in seiner rundum gelungenen dritten Eigenproduktion der Spielsaison, wie das funktioniert.
Die Idee zur kurzweiligen, von hintersinnig-humorvollen Einfällen strotzenden Adaption des großen Klassikers haben Theaterdirektorin Nikola Stadelmann und der schlichtweg geniale Darsteller Michael Miensopust, der bereits mit seinen Parzival- und Macbeth-Adaptionen im TIK brillierte, gemeinsam entwickelt. Die Geschichte in Kurzform: der angesehene Lehrer Heinrich Faust zieht eine niederschmetternde Lebensbilanz und verspricht dem Teufel seine Seele, sollte es ihm gelingen ihn von seinen Selbstzweifeln zu befreien. Dieser verjüngt seinen „Vertragspartner“ und spielt ihm Gretchen in die Arme, die ihre Mutter sowie das gemeinsame uneheliche Kind tötet und dafür hingerichtet werden soll. Wie im Original so auch in der „Fiction“: „Gretchen ist gerichtet“, ertönt es aus Mephistos Mund, doch Engelsstimmen beruhigen den besorgten Faust, aus der Straßenlaterne verkündend „Gretchen ist gerettet“.
Grandioses Wechselspiel
Problemlos, im bisweilen rasanten Wechsel, schlüpfte Miensopust von der Haut des etwas heruntergekommenen Mephisto in die des sinnsuchenden Faust, fand sich im betörenden Gretchen, streifte deren Nachbarin Marthe und mimte auch noch Valentin, den Rache üben wollenden Bruder Gretchens. Klar, oft nur durch kleine, nicht weniger wirkungsvolle Bewegungen angezeigt, waren Mimiken und Gesten des energiesprühenden Schauspielers im Wechselspiel der Rollen. Spärliche Requisiten sowie das auf eine Bank und einen an einer Straßenlaterne befestigten Mülleimer inklusive Telefon reduzierte Bühnenbild, ließ der Fantasie der rundweg begeisterten Zuschauer zudem großen Spielraum.
Die Reise auf dem „Highway to Hell“ durch die Welt traten Mephisto und Faust, wie zwei alte Kumpels beim Junggesellenabschied, im Cadillac an. Auch wenn viele Szenen in der Gegenwart angesiedelt waren und Textpassagen sich frei entfalteten, blieb das Stück mit zahlreichen Originalpassagen doch durchgehend nah am ursprünglichen Goethe-Text. Dass die Hexenküche, in der Faust seinen Verjüngungs- und Liebessehnsuchtstrunk gebraut bekam, die Assoziation mit einem Drive-In-Restaurant in einer eher abgehalfterten Gegend mehr als nahe legte, dass Mephisto gelegentlich deftige Unwörter entschlüpften oder dieser die intime Begegnung von Faust und Gretchen mit Handpuppen – doppelsinnig? – eigenhändig führte: Vielleicht gesellte sich dadurch zu den in Goethes Faust aufgeworfenen Fragen nach Gut und Böse, Himmel und Hölle, Sinn des Lebens und was die Welt zusammenhält noch eine vor allem die Jetztzeit betreffende Frage: Wie steht es um Abgestumpftheit oder Respekt?
„Vielleicht mache ich Dich zum Verteidigungsminister“, brabbelte Mephisto am Ende des Stücks, bereits Pläne für einen zweiten Teil „Faust Fiction“ schmiedend, und verließ das Kemptener TheaterOben ganz und gar zeitgemäß auf einem Segway.
>> Allgäuer Zeitung | 10.05.2011
Kempten/ Jana Schindler
Goethes «Faust» als Roadmovie
Schauspieler Michael Miensopust setzt den Klassiker ganz allein in Szene
Die dritte und letzte Eigenproduktion der aktuellen Spielzeit feiert am 13. Mai Premiere
Michael Miensopusts Blick geht unruhig schweifend durch den kleinen Theaterraum. Die Gäste des Theatercafés im Theater-Oben haben sich gerade erhoben, die Gläser werden von den Tischen geräumt. Vom Gesprächspodium wird der Tübinger direkt auf die technische Einrichtungsprobe seines Stückes «Faust Fiction» auf der Kemptener Bühne stolpern. Schaut der Tübinger mit der ausgeprägten Augenpartie nun faustisch oder mephistophelisch drein? Schwer zu sagen.
Vorgenommen hat er sich ja, beides zu sein. Faust und Mephisto. Und natürlich auch Gretchen und Wagner und die Hexen und und und. Das ganze Goethesche Faust-Universum will der Schauspieler, der gleichzeitig auch sein eigener Regisseur ist, als Erzähl-Solo auf die Kemptener Bühne bringen. «Der große Mann der großen Stoffe im kleinen Format», wie ihn Theaterdirektorin Nikola Stadelmann vorstellt, zog schon mit der Adaption von Parzival und Macbeth das Kemptener Publikum in seinen Erzähl-Bann und entwickelte sich vom Geheimtipp zum Kult-Star. Wobei er sich über das Wort «Karriere» in Bezug auf seinen eigenen künstlerischen Weg ebenso koboldhaft amüsieren kann wie über die Anekdote, dass schon sein erstes Schauspielschulerlebnis eine Begegnung mit dem Fauststoff war. Da habe ihm eine sehr alte Theaterdame auf den Kopf zugesagt: «Du bist ein Mephisto.
» Vielleicht weil sein ursprünglicher Wunsch gar nicht die Schauspielerei war, vielleicht deshalb ist der bald 50-Jährige so uneitel und menschlich so nahbar, dass er die Herzen und Zungen der Kemptener zu öffnen vermag. Das Publikum des Theatercafés jedenfalls zeigte sich wieder sehr offenherzig.
Aber wieso Faust als Fiktion? Der ursprünglich nur als Arbeitstitel fungierende Titel spielt mit den Assoziationen des Filmtitels «Pulp Fiction», wie Stadelmann als Dramaturgin erklärt. «Ich habe mir den Faust immer als einen Film vorgestellt, als ein Roadmovie mit klassischem Text», sagt Miensopust über die mit Stadelmann gemeinsam entwickelte Idee zu der dritten und letzten Eigenproduktion des TiK in dieser Spielzeit. Das ist zugegeben ein sehr freier Zugriff auf den Stoff, an dem Goethe selbst sich mehr als die Hälfte seines Lebens abarbeitete.
«Bei solch einem unverkrampften Ansatz erscheint einem Faust viel menschlicher», betont Stadelmann «Ich muss ihn selbst für mich entdecken und versuche, ganz naiv an den Text heranzugehen», erklärt Miensopust seinen Zugang zu neuen Stoffen. So kann er sein Vorhaben umsetzen, die Essenz der Geschichte mit Hilfe von Figuren- und Objekttheater zu erzählen. «Links das Müsli, rechts der Goethe», fasst Miensopust seine letzten Arbeitswochen zusammen.
Premiere ist an einem «mephistophelischen» Datum: Freitag, 13 Mai, um 20 Uhr im Theater-Oben (mit Premierenfeier). Einführung um 19.15 Uhr. Weitere Termine: 14. Mai (19 Uhr), , 20. Mai (20 Uhr), 21. Mai (19 Uhr); Einführung jeweils eine dreiviertel Stunde vorher.
>> Allgäuer Zeitung | 23.03.2011
Richtig böse - richtig gut
Theater Nürnberger Bühne brilliert mit einer lustvollen und spritzigen Inszenierungvon Sibylle Bergs Beziehungskomödie „Nur Nachts“ – sie thematisiert das Älterwerden
VON MICHAEL DUMLER
Kempten Es ist ein Kreuz, wenn man älter wird: Das Leben wird grau, muffig, trübsinnig, übergewichtig.
Die Schreckgespenster Selbstmitleid, Krankheit, körperlicher Zerfall und Todesangst erscheinen immer häufiger. Ist das noch Leben? Oder
schon der transistorische Zustand kurz vor der Endstation Jenseits? Wie dem auch sei, jedenfalls ist es die Ausgangslage für Sibylle Bergs
bitterböse Beziehungskomödie „Nur Nachts“. Doch wer nun dachte, das Ganze würde einen gnadenlos deprimierenden Theaterabend
ergeben, der sah sich angesichts der spritzigen Inszenierung des Staatstheaters Nürnberg in Kempten schnell eines Besseren belehrt.
Was die Nürnberger im Großen Haus des Kemptener Theaters boten, war beeindruckende Theaterkunst: espritvoll, rasant, fantasievoll,
mit Tiefgang. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Peter (herrlich kauzig-brummig Thomas Nunner) und Petra (umwerfend fragil-spitz Elke Wollmann), zwei desillusionierte, einsame Menschen Mitte 40. „Ich weiß, dass ich keine Eigenschaften habe“, lautet die traurige Bilanz von Peter,
der angewidert ist vom Leben in der Stadt, in der ihm nur Hässlichkeit und Plastik begegne und Menschen, die „aussehen wie Schweinefleisch“.
Diesen trüben Status Quo belegte Bühnenbildner Florian Angerer mit muffigem Wohnzimmerinventar samt altbackenen Sesseln, altbackenen
Gardinen und Schirmlampen. Der Zufall bringt Peter und Petra zusammen, und es keimt die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf einen zweiten (Lebens-)Frühling. Doch das will der Einsatzleiter verhindern. Thomas L. Dietz glänzt in dieser Rolle des gottgleichen, abgehalfterten
Strippenziehers. Im glitzernden Elvis-Kostüm mutiert Dietz zu einem schmierigen, selbstgerechten Entertainer und sarkastischen Chef, der zwei
Geister (köstlich koboldhaft Rebecca Kirchmann und Hartmut Neuber) losschickt, um das drohende Unheil – das neue Lebens- und Liebesglück
von Peter und Petra – abzuwenden. Shakespeare lässt grüßen: Und so schüren die beiden Geister bei Peter und Petra Unbehagen, beschwören
alptraumhafte Szenarien mit peinlichen Schwiegereltern, nervigen, emotionslosen Kindern oder schrecklich-protzigen, Sozialneid schürenden Freunden. Und als Peter auch noch ein Kind von Petra will, ist für die Geister klar, dass sie diesmal leichtes Spiel haben: „45-jährige Erstgebärende finde ich prima. Es wird ein Kaiserschnitt, ihre Figur ist flöten, und er dreht nach drei Monaten Dauergeschrei durch. Das erledigt sich doch von allein.“ Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn Peter und Petra wollen unbedingt zusammenkommen ...
Zugegeben, der Berg-Text kommt (beim Lesen) spröde daher. Dafür bietet er den Schauspielern viel Spielraum. Und den wussten die Nürnberger glänzend zu nutzen. Unter der Regie von Schirin Khodadadian agierte das hervorragend besetzte fünfköpfige Ensemble fulminant-komödiantisch, lustvoll und aus einem Guss. Dazu kamen pointierte Gesangseinlagen (Musik: Bettina Ostermeier). Ein Schau- und Hörvergnügen – für leider nur rund 300 Theaterfreunde.
>> Allgäuer Zeitung | 23.02.2011
Verlorene Seelen
Ödön von Horváths Volksstück «Kasimir und Karoline» im Kemptener Theater geht unter die Haut - Die Eigenproduktion ist noch drei Mal zu sehen
Kontrastreicher kann ein Theaterabend nicht sein. Das Oktoberfest, eigentlich Schauplatz des Volksstücks «Kasimir und Karoline» von Ödön von Horváth, fand im Foyer des Theaters in Kempten (TiK) und nicht auf der Bühne statt. Schunkelmusik der Stadtkapelle und Freibier für alle, die in Tracht kamen. Und es waren viele. Auf der Bühne wars dann freilich vorbei mit Leutseligkeit und Gemütlichkeit. Ein kahles grünes Podest als Wiesn. Ein Hintergrundprospekt mit einem einzigen Luftballon oder dem Mond am Fest-Himmel. Hinsetzen konnten sich die Akteure nur auf den Boden.Unerbittlich zeigte sich Regisseur Oliver Karbus in dieser Co-Produktion mit dem Stadttheater Bruneck und lieferte seine Schauspieler schonungslos einander aus. Am Anfang stehen sie alle da, den Blick sehnsuchtsvoll nach oben gerichtet zum Zeppelin, von dem nur ein leises Surren zu hören ist. Quasi die unterdrückten Aggressionen dieses Querschnitts der Gesellschaft - der Kommerzienrat neben dem Zuschneider, die Büroangestellte neben dem Kleinkriminellen. «Bald werden wir alle fliegen», sagt einer von ihnen. Dieser Satz wird nicht nur einmal fallen und ist so doppelsinnig wie programmatisch. Denn die Zeiten sind schlecht.
Horváths «Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut», die er als «treuer Chronist» (Horváth) seiner Zeit in den 1930er Jahren aufschrieb, verstört auch heute noch. Regisseur Karbus hat das Stück mithilfe von Musik, Kostümen (Monika Herédi) und der Körpersprache der Darsteller aktualisiert.
Horváths Sprache dagegen hat Karbus sehr genau genommen. Horváths Figuren reden klischeehaft und allgemein. Zwischen den Zeilen aber, in den Redepausen, da kann man in die Abgründe ihrer verlorenen Seelen schauen. Das war großartig umgesetzt.
Die Liebe kommt abhanden
«Und die Liebe höret nimmer auf», stellt Horváth seinem Volksstück voran. Und doch geht auf diesem Fest die Liebe zwischen dem eigentlich gutmütigen Kasimir (Benjamin Ulbrich) und seiner Braut Karoline (Sara Sommerfeldt) verloren. Als Kasimir sie in seinem Frust verletzt, sucht sie trotzig Trost beim Zuschneider Schürzinger. Leicht näselnd, in einem weinerlichen Singsang gab Johannes Gabl wunderbar leicht und komisch zugleich einen einsamen, verträumten Poeten, der natürlich trotzdem auf seinen Vorteil bedacht ist. Das andere Paar, eine Stufe drunter: Dem Merkl Franz seine Erna (Julia Loibl) und seine Wenigkeit in Ledermantel und Krawatte (Thomas Lackner). Der König der Underdogs, jederzeit zum Zuschlagen bereit. Erna, immer in Habacht-Stellung, die Arme schützend vor der Brust. Sie zuckt schon zusammen, wenn er ihr nur die Handschuhe hinhält. Will sie ihn küssen, greift er ihr brutal ins Gesicht, sie lächelt trotzdem glücklich. Das war ausgezeichnet gespielt und unheimlich anzuschauen.
Auch Sara Sommerfeldt spielt sehr glaubhaft ihre Karoline, die sich zu etwas Höherem aufschwingen will. Einerseits romantisch naiv, andererseits kokett berechnend liefert sie sich den unverhohlen lüsternen Herren Rauch (Horst Herrmann) und Speer (Richard Aigner) aus. Ein erstklassiger Theaterabend mit Gänsehauteffekten, der jedoch nie zu schwer geriet und ein begeistertes und glückliches Premierenpublikum hinterließ. | Jana Schindler
>> Allgäuer Zeitung | 22.02.2011
Horváths Volksstück berührt Zuschauer
«Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich », sagt Karoline (Sara Sommerfeldt) am Ende von «Kasimir und Karoline» schluchzend. Hinaufschwingen wollte sie sich, die Büroangestellte, in höhere gesellschaftliche Schichten und hätte sich dafür beinahe prostituiert.
Ziemlich unsanft kracht sie «mit gebrochenen Flügeln» auf das grüne Podest, das in Oliver Karbus Inszenierung die Oktoberfestwiese darstellen soll. Ödön von Horváths kritisches Volksstück zur Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren ist aktueller denn je und beeindruckte bei der Premiere im Theater in Kempten mit großartigen Darstellern. Das Publikum der zweiten TiK-Eigenproduktion dieser Saison war begeistert und berührt. Noch drei Mal gibt es die Gelegenheit, das Stück zu erleben: am Samstag, 26. Februar, um 19 Uhr (Einführung um 18.15 Uhr), am Sonntag, 27. Februar, in einer Nachmittagsvorstellung (16 Uhr) mit kostenloser, professioneller Kinderbetreuung und einem anschließenden Publikumsgespräch sowie am Freitag, 4. März, um 20 Uhr (Einführung 19.15 Uhr) | jms
>> Süddeutsche Zeitung | 21.02.2011
Kasimir und Karoline im Hier und Jetzt
Kempten - Eigentlich hatte Karoline sich doch nur mit ihrem Bräutigam Kasimir auf dem Oktoberfest amüsieren wollen. Doch als die Nacht zu Ende geht, ist die Leibe zerbroichen. Im rosa Kleidchen und mit aufgelöster Frisur verabschiedet Karoline ihre Träume: "Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nie dabeigewesen." Regisseur Oliver Karbus, der Ödön von Horváths Stück für das THEATERINKEMPTEN inszeniert hat, nimmt die Helden ernst. Er macht aus Kasimir (Benjamin Ulbrich) und Karoline (Sara Sommerfeldt) keine Festzelt-Karikaturen, sondern fühlt sich ein in zwei strauchelnde Glückssucher - in Kasimirs Arbeitslosigkeit und in seine Selbstzweifel; in Karolines Lebenshunger und ihre Verletzlichkeit.
Horváth hat sein "Volksstück" während der Weltwirtschaftskrise geschrieben. 80 Jahre später habe der Text nichts an Aktualität eingebüßt, sind sich Karbus und Nikola Stadelmann, die künstlerische Leiterin des Theaters, einig und entwerfen den Abend als Porträt der heutigen Gesellschaft. Dieser Ansatz stößt auf Resonanz, die Premiere am Samstag ist ausverkauft. Die Mehrheit der Gäste erscheint in Tracht und sichert sich somit ein Freibier. "Wir simulieren hier im Foyer das Oktoberfest, dann kommen wir auf der Bühne ohne die Wies'n aus", kommentiert Stadelmann den Fassanstich im Kreis der Dirndl- und Lodenträger. Die Aufführung selbst ist von Volkstümelndem befreit. Allein die vulgär-schmissigen Dance-Schlager, die zwischen den Szenen eingespielt werden, verorten den Abend im Hier und Jetzt. Klaus Gasperis Bühnenbild reduziert sich auf Fotoprojektionen, die im Hintergrund den Übergang vom Tag zur Nacht illustrieren. In Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Bruneck wurde für diese Eigenproduktion ein Ensemble gewonnen, dem es gelingt, die entschlackte Version des Stückes mit Intimität aufzuladen. | Nadia Pantel
>> Allgäuer Zeitung, Kempten | 27.10.2010
Wundervoller Komödiant
Miensopust bringt Kinder zum Lachen und Nachdenken
Wenn ein schwindelerregend schiefer hoher Turm aus alten Töpfen einen Berg darstellt, der zwischen zwei Königreichen liegt und ein grünkariertes Geschirrhandtuch sich von einem Baby in einen Schnurrbart in eine Papierrolle in eine Fanfare in eine Bettdecke und noch tausend Dinge verwandelt - dann befindet man sich in einer der ursprünglichsten und wunderbarsten Bühnen-Situationen, die es gibt.
Wundervoller Komödiant
Dem Theater in Kempten ist mit dem lustig-nachdenklichen Erzähltheater «Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel» ein ausverkaufter, begeistert aufgenommener Auftakt ins neue Programm des Kinder- und Jugendtheaters geglückt. Nicht zuletzt und vor allem Dank des wundervollen Komödianten und ideenreichen Regisseurs des Stückes, Michael Miensopust.
In etwa 15 verschiedene Rollen schlüpft der Schauspieler, um die Geschichte von Michael Ende über zwei zerstrittene Königsfamilien zu erzählen, die wegen zwei begehrten Gegenständen einen Krieg lostreten. Verpackt hat Michael Miensopust das Märchen in einen aktuellen Rahmen, in dem er als Gastarbeiter nur abspülen und abtrocknen darf, wo er in seinem Land als Chefkoch die beste Suppe des Landes gezaubert hat. Und erteilt so ganz nebenbei Lektionen darin, wie man über den Tellerrand hinausschauen und nicht nur sein eigenes Süppchen kochen kann. (jms)
>> Allgäuer Zeitung, Kempten (Klaus-Peter Mayr) | 22.10.2010
Spiel, Satz und Sieg
Jochen Heckmanns humorvoll-athletische Choreografie «Match Point» im Stadttheater:
So macht modernes Tanztheater Spaß - Raffiniertes Bühnenbild mit Bierkisten
Kemptens Theaterdirektorin Nikola Stadelmann erklärte ihr Haus für die nächsten neun Monate zur «Spielwiesn». Schon bei der ersten Eigenproduktion zum Saisonstart hat sie - um im Bild zu bleiben - einen schönen Sieg eingefahren. Das Publikum sah bei der ausverkauften Uraufführung des Tanztheaters mit dem sinnigen Titel «Match Point» eine unterhaltsame Partie mit einem starken Team.
Dessen Kapitän ist ein Altbekannter im Theater in Kempten (TiK): Jochen Heckmann. Er hat seit der Wiedereröffnung des Hauses im Jahr 2007 schon dreimal Tanz auf die Bühne gebracht - mit durchwachsenem Erfolg. Doch Cheftrainerin Stadelmann, mit Heckmann schon lange verbunden, hielt an dem Tänzer und Choreografen fest. Was sich diesmal voll auszahlte.
Heckmann scharte für «Match Point» vier junge, aber schon recht reife und ausdrucksstarke Tänzerinnen und Tänzer um sich und gewann die erfahrene Angela Loewen fürs Bühnenbild und die Kostüme. Ein schlagkräftiges Team. Auch der Austragungsort war gut gewählt. Die Mannschaft lief im kleinen Saal, dem Theater-Oben, auf, das wie eine Arena gestuhlt war.
Die rund 160 Zuschauer wurden in zwei Hälften aufgeteilt und setzten sich auf gegenüberliegende Tribünen. Getanzt wurde auf einem sechs mal zwölf Meter großen Rechteck zwischen dem Publikum. Eine gute Platzwahl. Tanz wird so zu einem hautnahen Erlebnis: Die Zuschauer sehen, wie sich die Muskeln und Sehnen spannen und entspannen, sie spüren den Lufthauch von Bewegungen, riechen die Körper, kriegen auch mal einen Schweißtropfen ab. Ja, es wurde richtig gekämpft in dieser Partie. Jochen Heckmann und seine Mitstreiter Caroline Finn, Corneliu Ganea, Ivonne Kalter und Patricia Rotondaro beackern das weite Feld des Sports.
Sport ist alles - bloß kein Spaß. Es gibt kaum einen ruhigen Augenblick in diesen zweimal 45 Minuten. Nur am Anfang, da schleichen sich die fünf Tänzer leise auf den Platz. Aber gleich beginnt eine Art Reise nach Jerusalem. Erst konkurrieren die einzelnen Spieler-Tänzer um den freien Stuhl, später um den Sieg. Sie buhlen um die Gunst des Publikums, schleichen als Verlierer vom Feld, müssen sich im Duell Mann-gegen-Mann oder Frau-gegen-Frau behaupten. Sind aggressiv und nachgiebig, freuen sich und sind enttäuscht, triumphieren und zeigen sich irritiert. Nette Mädchen verwandeln sich in geifernde Zicken, Burschen in Bengel. Selbst Liebesspiele geraten zu Wettkämpfen.
Für all diese sportlich-menschlichen Regungen, die bisweilen wie Kleinkinderspiele wirken, hat Jochen Heckmann sich eine flüssige, schlüssige Choreografie mit viel Humor, Ironie und Athletik einfallen lassen. Da geht es mal Vier gegen einen oder 3 gegen zwei. Zur Abwechslung dürfen mal zwei miteinander. Wunderbar beschleunigen und verdichten die Tänzer ihre Bewegungen, raffiniert werden Sequenzen gespiegelt und variiert.
Wer dann mal siegt, darf aufs Treppchen und den Pokal küssen. Beides, Treppchen und Pokal, sind banale graue Bierkisten. Mehrere Dutzend stehen auf der Bühne herum, bilden mal den Spielfeldrand, mal eine Mauer, dienen als Schlittschuhe oder Hürden. Auch das eine super Idee mit super Umsetzung.
Wer modernes Tanztheater auf solche Weise inszeniert, wird Freunde gewinnen für diese Kunstform, die im Allgäu immer noch ein ein Mauerblümchen-Dasein fristet. Das Publikum bei der Premiere hatte jedenfalls seine helle Freude. Spiel, Satz und Sieg für Heckmann und das Theater in Kempten.
Weitere Aufführungen am 30. Oktober (19 Uhr), 31. Oktober (16 Uhr), 19. November (20 Uhr) und 20. November (19 Uhr). Karten bei der Allgäuer Zeitung, Telefon 0831/206-430.
Kreisbote Kempten, 27.10.2010
Von Siegern und Verlierern
Tanztheater »Match Point« entführt in die Welt des SportsKempten – In der Welt des Sports hat der Tänzer und Choreograph Jochen Heckmann sein Tanztheater „Match Point“ mit Witz und Hintersinn aufs Spielfeld gebracht. Vergangene Woche feierte es im TheaterOben eine gelungene Uraufführung. Zum Auftakt der neuen Saison des TheatersInKempten (TIK), der erstmals im Rahmen des Tanzherbstes stattfand, hat Heckmann in seiner vierten Choreographie für das TIK ein ausgefeiltes Spiel des Lebens inszeniert und choreographiert, das im Sport sein komprimiertes Ebenbild fand: Wettstreit mal mit Teamgeist, mal als Einzelkämpfer, Ehrgeiz, Rivalität und Eitelkeiten, auf dem Treppchen im Rampenlicht stehen
oder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Siegesrausch und Niederlage – und auch die Freude am Sich-Messen und einfach die Lust am Spiel beherrschten die Szenen. Wie bei einem Tennismatch konnten die Zuschauer auf Tribünen längs des rechteckigen Spiel- beziehungsweise Bühnenfeldes, ganz nah dran, mitfiebern. Abgesehen vom ersten „Match“, bei dem sich das ausdrucksstarke
Tanzteam – Caroline Finn, Patricia Rotondaro, Ivonne Kalter, Corneliu Ganea und Jochen Heckmann – still
und leise in den vom Sportsgeist beseelten Ring des Lebens schlich, waren es schnelle, zeitweise schon athletische Sequenzen, die das Publikum im ausverkauften TheaterOben zweimal 45 Minuten lang in Atem hielt.
Bilder, die, wie der Fehlstart beim Schwimmwettbewerb, der harten Wirklichkeit des Leistungssports entlehnt sind, wechselten mit spielerischen Szenen, die ihre Inspirationsquelle in Kitas oder ähnlichem vermuten ließ.Aber die Welt der Erwachsenen machte auch aus der zunächst harmlos beginnenden, leicht modifizierten
„Reise nach Jerusalem“ bald einen ehrgeizigen Kampf um den Sieg.
Vielfältige Aufnahmen
So vielfältig die Momentaufnahmen der Spielarten des Lebens über das Spielfeld – oder auch mal durch das fiktive Schwimmbecken – rauschten, so rasch und wechselhaft formierten sichdie Konstellationen im Kräftemessen: Frau mit oder gegen Frau oder selbiges unter Männern, natürlich auch imgemischten
Einzel- oder Doppel und schlussendlich alle gegen einen oder umgekehrt. Blieb bei der ersten Spielhälfte noch die eine oder andere Verständnisfrage offen – was der Sache keinen Abbruch tat –, wurde es in der zweiten konkreter und leichter nachvollziehbar. Dass weniger manchmal mehr ist, bewies Angela Loewen mit einem
feinen Händchen für Bühnenbild und Kostüme. Ersteres bestand aus stapelweise grau gestrichener Bierkisten, die als Einfassung des Spielfeldes, als Turm, als Mauer, als Siegerpodest, Schlittschuhe, Startblöcke und was nicht noch alles fungierten. „Erfolg tut gut“, steht im Umschlag des Programmhefts zu „Match Point“. Mit dem Tanztheater hat das TIK schon mal einen erfolgreichen Saisonstart hingelegt. ct
Allgäuer Zeitung, Kempten | 27.10.2010
Wundervoller Komödiant
Miensopust bringt Kinder zum Lachen und Nachdenken
Wenn ein schwindelerregend schiefer hoher Turm aus alten Töpfen einen Berg darstellt, der zwischen zwei Königreichen liegt und ein grünkariertes Geschirrhandtuch sich von einem Baby in einen Schnurrbart in eine Papierrolle in eine Fanfare in eine Bettdecke und noch tausend Dinge verwandelt - dann befindet man sich in einer der ursprünglichsten und wunderbarsten Bühnen-Situationen, die es gibt.
Wundervoller Komödiant
Dem Theater in Kempten ist mit dem lustig-nachdenklichen Erzähltheater «Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel» ein ausverkaufter, begeistert aufgenommener Auftakt ins neue Programm des Kinder- und Jugendtheaters geglückt. Nicht zuletzt und vor allem Dank des wundervollen Komödianten und ideenreichen Regisseurs des Stückes, Michael Miensopust.
In etwa 15 verschiedene Rollen schlüpft der Schauspieler, um die Geschichte von Michael Ende über zwei zerstrittene Königsfamilien zu erzählen, die wegen zwei begehrten Gegenständen einen Krieg lostreten. Verpackt hat Michael Miensopust das Märchen in einen aktuellen Rahmen, in dem er als Gastarbeiter nur abspülen und abtrocknen darf, wo er in seinem Land als Chefkoch die beste Suppe des Landes gezaubert hat. Und erteilt so ganz nebenbei Lektionen darin, wie man über den Tellerrand hinausschauen und nicht nur sein eigenes Süppchen kochen kann. (jms)
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