Werfen Sie einen Blick in die Beziehungskiste
Spielzeit 2011/12
WAISEN
Schauspiel von Dennis Kelly
Das Ehepaar Danny und Helen beim romantischen Candle-Light-Dinner daheim. Das Kind ist bei der Großmutter, endlich wieder mal ein Abend zu zweit. Plötzlich steht Liam, der Bruder der Frau, in der Tür, blutverschmiert. Er habe einem verletzten Mann geholfen, erzählt er und verstrickt sich immer mehr in eine krude Geschichte von einer Messerstecherei in der unmittelbaren Nachbarschaft, von jenem Schwerverletzten, von dessen Flucht und von islamistischer Bedrohung, die das
kleinbürgerliche Familienidyll immer mehr ins Wanken bringt. Ist Liam in den Vorfall verwickelt? Im Furor, das fragile Gebilde Familie zu schützen, greifen die Protagonisten zu extremen Maßnahmen. Anstatt die Polizei zu rufen, schickt Helen Danny in die Nacht…
„Im Kopf hatte ich einen blutverschmierten Typen und zwei Leute, die beim Dinner sitzen, und dann war da die Frage, wer diese Leute sind. Ich weiß nicht, worüber ich schreiben werde, wenn ich anfange zu schreiben – ich kenne nur die Bereiche, um die herum ich schreiben will. Wir schreiben über das, was jetzt und hier geschieht.“
(Dennis Kelly)
Mit „Waisen“ (2009) hat der englische Dramatiker Dennis Kelly (*1968) einerseits einen
spannungsgeladenen Thriller geschrieben, der virtuos mit den Erwartungen der Zuschauer spielt, andererseits reflektiert das Stück in der kleinsten möglichen sozialen Einheit – der Familie – gesellschaftsprägende Antagonismen: Selbstbestimmung und Herkunft, Zuhause und Fremde, Gewalt und Liberalismus.
Sein Werk durchzieht das nervöse Flimmern einer Welt, in der die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Angst vor
Unsicherheit und Gewalttätigkeit zunimmt, in der die alten Fragen neu aufgeworfen werden: Wozu ist der Mensch um seines eigenen Vorteils willen imstande? Wie wird er zum Schuldigen, wie zum Täter?
Schon mit seinem ersten Stück „Schutt“ (2002) machte Kelly sich einen Namen in der europäischen Theaterszene. Inzwischen werden seine Stücke – u.a. „Liebe und Geld“, „Kindersorgen“ und „DNA“ – in 15 Ländern gespielt und die Fachzeitschrift „Theater Heute“ wählte ihn zum „ausländischen Dramatiker des Jahres 2009“.
„Waisen“, uraufgeführt 2009 im Rahmen des Edinburgh Festivals, wurde mit dem Fringe First Award und dem Herald Angel Award ausgezeichnet. The Guardian beschrieb das Stück als „weniger ein Krimi als eine
Erkundung der Ängste und Loyalitäten, die uns dazu bringen, zu tun, was wir nicht tun sollten. Sowie die schmerzhafte Überprüfung, wie leicht unsere moralischen Grundwerte korrumpiert werden.“
Erstmals kooperiert das TIK mit der Europäischen Theaterschule Bruneck (Südtirol), in der junge begabte Theaterenthusiasten zu staatlich anerkannten professionellen Schauspielern ausgebildet werden. Mit Unterricht in den Bereichen Schauspiel, Regie und Bühnentechnik und vielen flankierenden Modulen absolvieren die Theaterschüler eine erstklassige Ausbildung – und werden z.B. auch von Regisseur Oliver Karbus unterrichtet, der in der Spielzeit 2010/11 die Erfolgsproduktion „Kasimir und Karoline“ in Kempten inszenierte.
Einführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn im THEaterOben.
Bilder
(c) TIK | |
|
Termine
20.04.2012
| Beginn: 20:00 | THEaterOben |
Preise I (29,00 - 19,00 €)
21.04.2012
| Beginn: 19:00 | THEaterOben |
Preise I (29,00 - 19,00 €)
11.05.2012
| Beginn: 20:00 | THEaterOben |
Preise I (29,00 - 19,00 €)
12.05.2012
| Beginn: 19:00 | THEaterOben |
Preise I (29,00 - 19,00 €)
Besetzung
Koproduktion THEATERINKEMPTEN
mit der Europäischen Theaterschule Bruneck (Südtirol)
Mit: Maria Kankelfitz (Helen), Martin Radecke (Liam), Bálint Walter (Danny)
Regie: Oliver Karbus
Ausstattung: Klaus Gasperi
Pressestimmen
Allgäuer Zeitung, 24. April 2012
Spirale des Schreckens
Premiere Dennis Kellys Thriller „Waisen“ ist ein packendes, tiefschürfendes Sozialdrama
VON JANA SCHINDLER
Es war die buchstäbliche Stille nach dem Schuss, die sich über das Premierenpublikum legte, bevor sich verzögert der Applaus entlud. Und selbst dieser letzte Schuss schreckte die Zuschauer noch einmal so hoch wie der erste. Wir dürfen uns an Gewalt nicht gewöhnen, scheint Regisseur Oliver Karbus mit seiner vor Spannung flirrenden Inszenierung von Dennis Kellys Thriller „Waisen“ sagen zu wollen.
Drei Absolventen der Europäischen Theaterschule Bruneck haben (in Koproduktion mit dem Theater in Kempten) ein atmosphärisch dichtes, schmerzhaftes und spannungsgeladenes Kammerspiel im THEaterOben geboten.
Als die Drei auf die Bühne treten, ist das Unfassbare schon geschehen: Ein unschuldiger Mann wurde aufs Brutalste gefoltert. Und der Täter steht jetzt blutverschmiert in der Tür. Dass diese Grausamkeit geschehen ist und dass Liam der Täter ist, wissen die Zuschauer noch nicht.
Der britische Autor Kelly spielt in seinem Thriller aus dem Jahr 2009, der so tiefschürfend wie ein sozialkritisches Gesellschaftsdrama daherkommt, absolut geschickt mit der Wahrnehmung der Zuschauer. Angeschnittene, unvollständige Sätze voller Andeutungen treiben die Spannung voran. Immer, wenn man glaubt, jetzt ist das Ende des Schreckens erreicht, bohrt sich die Spirale tiefer in den wahnwitzigen Gewaltexzess, der das fragile System Familie aus den Angeln hebt.
Liam (Martin Radecke) und Helen (Marian Kankelfitz) sind Geschwister und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Helen schafft es, ein mittelständigsicheres Leben mit Ehemann Danny (Bálint Walter) und Sohn zu führen. Liam dagegen leistet sich immer wieder kleinere Delikte. Und Helen, die sich schuldig fühlt, wird ihren
Bruder decken, auch wenn sie damit Recht und Gesetz verletzt. Liam wird einmal sagen: „Ihr müsst hier wegziehen, hier draußen sind nur Tiere.“ Doch das Tier ist er selbst.
Und er zieht sie in seinem Lügengewirr alle mit hinein. „Hör auf, nur an dich zu denken, und hilf“, schnauzt Helen Danny an, was absurd ist, weil Danny der einzige ist, der an das Opfer denkt.
„Die Leute in meinen Geschichten tun einander weh,obwohl sie einander nicht wehtun wollen.“Autor Dennis Kelly
„Waisen“ ist ein Stück über unheilvolle Loyalitäten, über die Furcht vor dem Fremden und nicht zuletzt über eine Gesellschaft, die sich aus Angst vor sozialem Absturz immer mehr an vermeintliche Sicherheiten klammert. Wie Radecke als Liam ständig seine Arme schubbert, mit schräg gelegtem Kopf auf den Boden und an seinem Gegenüber haarscharf vorbei blickt und diesen verzweifelt-komischen, unerträglichen Satz „Ich liebe euch“ inflationär oft gebraucht, das ist eine grandiose Körpersozialstudie eines tiefverstörten jungen Mannes.
Helen wird ihren Mann Danny emotional so erpressen, dass er, der sich moralisch stark wähnt, selbst zum Folterer wird. Am Ende ist sich Danny selbst so fremd, dass er seine Hände wie ein ekelerregendes Geschwür betrachtet. Jetzt will er das Kind, das seine Frau erwartet, nicht mehr. „Mach es weg“, ist der letzte Satz, den er zu ihr sagt.
Kelly und Karbus gönnen ihrem Publikum nach dieser quälend langsamen, apokalyptischen Entladung nicht mal zum Schluss eine Utopie menschlicher Versöhnung.
Weitere Vorstellungen am 11. Mai
(20 Uhr) und am 12. Mai (19 Uhr).
Einführungen jeweils 45 Minuten vorher.
Karten gibt es im AZ-Service-Center.